Schrauben statt wegwerfen

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Repair-Café-Tüftler: Wilhelm Gnefkow repariert zusammen mit der Besitzerin einen tragbaren Plattenspieler. Dieser bekam unter anderem eine neue Sicherung.
© Beate Wand

Sie lieben Ihre alte Küchenmaschine immer noch, obwohl sie ihren Geist aufgegeben hat? Sie ärgern sich über ausgeleierte Bündchen an den neu gekauften Unterhosen? Oder bringen Sie es einfach nicht übers Herz, Kaputtes gleich in der Mülltonne zu beerdigen? Dann nix wie hin – ins nächste Repair Café!

Text & Fotos: Beate Wand

Geduldig stehen die Leute in der Schlange. In den Händen halten sie die unterschiedlichsten Gegenstände: eine alte Küchenma­schine, einen tragbaren Plattenspieler im Koffer, eine Tüte mit Kinderunterhosen. Eines haben alle Utensilien gemeinsam: Sie sind irgendwie defekt, funktionieren nicht mehr richtig. Doch ihre Besitzer glauben noch an sie. Darum warten sie vor dem Tisch im Eingangsbereich des Repair Cafés auf Gut Karlshöhe, einem Umwelt­zentrum im Norden Hamburgs.

Wissen weitergeben

Dahinter sitzen Kristina ­Deselaers und Christin Stöckmann, die beiden Organisatorinnen der Veranstaltung. Sie hören sich an, wo der Schuh drückt, ordnen die Hilfe­suchenden dem richtigen Experten an den ­Tischen für Küchengeräte, Elektronik, ­Mechanik und Nähen zu. Draußen legt auch noch ein Spezialist für Fahrräder Hand an. Literatur mit Tipps und Tricks zum Reparieren liegt aus. Auf bunt gepunkteten Wachstischdecken versprühen Lötkolben, Batterieprüfgeräte sowie unzählige Bits und Inbusschlüssel Werkstattatmosphäre. Unter­malt vom Rattern, Surren und Stottern verschiedenster Geräte. Kaffee, Kuchen und Kekse vertreiben den Wartenden die Zeit, bis sie an der Reihe sind. Doch auch das ­Zuschauen bei anderen ist spannend und erweitert den eigenen technischen Horizont.

„Sie zieht kein Wasser und ist laut“, beschreibt Ingrid Rutenberg das Problem ihrer Kapsel-Kaffeemaschine. Nur etwa drei Jahre hat sie auf dem Buckel. Eine verbreitete Krankheit bei diesem Modell, fand ihre Besitzerin im Internet heraus. Im Wochenblatt las sie vom Repair Café. Sie komme aus einer Familie, in der nichts weggeschmissen wurde, und nehme diese Art des Denkens immer mehr an, begründet die Hamburgerin, warum sie hierher kam. Michael Schröder nimmt sich jetzt ihrer Maschine an: Er schraubt das Heizelement auf, da kein Wasser mehr durchfließt. Trotz längst gezogenen Steckers ist es noch richtig heiß. Schröder vermutet, dass Restwasser darin verdampft ist und sich dadurch Kalk abgelagert hat. Von der ersten Stunde an tüftelt der Elektroinge­n­ieur für das Saseler Repair Café, das erste in der Hansestadt. Seit August 2013 findet es regelmäßig an zwei verschiedenen Veranstaltungsorten statt. Schröder fühlte sich von einer Annonce angesprochen, in der Initiatorin Kristina ­Deselaers ehrenamtliche Helfer für die Aktion „­Reparieren statt wegwerfen“ suchte. „Ich reparier alles“, bekennt der bärtige Hanseate mit den geschickten Fingern und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Zumindest versuch ich das. Bis jetzt hat es auch fast immer geklappt.“

Der Tüftler-Nachwuchs

Die Idee, Dinge systematisch vor der Mülltonne zu bewahren, stammt aus den Niederlanden. Im Oktober 2009 fand in Amsterdam das allererste Repair Café statt. Erfinderin Martine Postma gründete im folgenden Jahr eine Non-Profit-Organisation, die nun diese Bewegung auf der ganzen Welt unterstützt. Mit Handbuch, Logo und Anzeigenvorlagen. Die virtuelle Zentrale bündelt auf ihrer Website alle Initiativen rund um den Globus. Ende 2014 verkündet sie, dass sich die Anzahl im vergangenen Jahr von 275 auf über 700 mehr als verdoppelt hat. In Deutschland summieren sie sich auf bald 200, allein in Hamburg wehen mittlerweile vor 15 Standorten die Fahnen mit dem Repair-Café-Logo. Dazu kommen weitere Initiativen und offene Werkstätten, die unabhängig vom niederländischen Vorbild ihre Ziele verwirklichen. Alle Anlaufstellen bündelt die Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis auf ihrer Internetseite.

Initiatorin Kristina Deselaers – selbst mit handwerklichem Geschick, technischem Grundverständnis und Umweltbewusstsein ausgestattet – dreht das Konzept sogar noch weiter: Im Februar startet die zweite Extraausgabe „Repair Café Kids“. Gerade Spielsachen müssen eine Menge aushalten und gehen oft kaputt. In der Schule fehlen technische Angebote meist, und zu Hause mangelt es den Eltern häufig an Zeit und technischem Know-how, um gemeinsam mit dem Nachwuchs zu werkeln.

„Mit roten Backen haben die Schüler Werkzeug ausprobiert“, erinnert sich ­Deselaers an die erste Kids-Session mit ­einer Schulklasse. „Alle hatten Spaß, waren hochkonzentriert, und einige haben eigene Neigungen entdeckt.“ Kindern beizubringen, wie man Dinge wieder flottmachen kann, hält auch Michael Schröder für ganz besonders wichtig. Plötzlich spritzt Wasser auf sein rotes Jeanshemd. Hat sich der vermutete Kalkpropfen gelöst? Zuvor hatte der Tüftler mal kräftig in das Heizelement gepustet und es danach provisorisch wieder angeschlossen. Nun pumpt die Maschine wieder, dampfendes Wasser landet in der Tasse, und Schröder muss das Ganze wieder zusammenschrauben.

Oft wehren schon die Schrauben der ­äußeren Gerätehülle Reparaturwillige erfolgreich ab: So mancher Hersteller verwendet gern welche mit außergewöhnlichen Antriebsprofilen am Kopf, für die – anders als bei Kreuzschlitz, Sechskant oder Torx – möglichst niemand das passende Gegenstück hat. Hinter der ersten Schwelle sind die Schrauben oft wieder „normal“. Beim Repair Café helfen sich alle gegenseitig. „Auf einmal zieht jemand neben mir die – selbst ­gebastelte – passende Schraubendreherklinge aus der ­Hosentasche“, erinnert sich Michael Schröder an eine Situation. Die Kraft der Gemeinschaft trägt dazu bei, möglichst viele Gegenstände zu retten. Im Schnitt erweckt ein Repair Café rund die Hälfte aller mitgebrachten Gegenstände sofort zu neuem Leben, bei einem weiteren Viertel stehen die Heilungschancen gut: Die Tüftler „überweisen“ zur lohnenswerten Weiterbehandlung an einen (existierenden) Fachmann oder „verschreiben“ den Einbau zu besorgender Ersatzteile.

Spielplatz für Erwachsene

Geschafft, Michael Schröder hat die Teile der Kaffeemaschine wieder zu einem Ganzen zusammengefügt. Ein abschließender Test: Er legt eine Kapsel ein. ­Zischen. Dampfdruck durchlöchert sie siebartig, vorher war nur hinten ein Loch zu sehen. Schwarze Brühe fließt und verbreitet unwiderstehlichen Kaffee­duft. Die Tasse hat sich der Bastler jetzt verdient. Zufrieden, wieder mal eine Runde gewonnen zu haben. ­Gegen den technischen Defekt, gegen die Wegwerfprodukte der Hersteller. Ehrgeiz treibt den Tüftler zu seinen vielen Siegen in diesem „Spiel“. Ingrid Rutenberg freut sich, am Montag auch im Büro wieder Kaffee genießen zu können. Sie unterschreibt den Zettel, auf dem die Erfolge aller Reparaturversuche dokumentiert werden. Dann wird sie dem rosa Schweinerl am Eingang noch den Bauch stopfen, denn: Alle Repair Cafés funktionieren durch ehrenamtlichen Einsatz. Spenden helfen, das nicht kommerzielle ­Projekt am Leben zu erhalten.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2015

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