Abruzzen: Wo Wolf und Bär sich gute Nacht sagen

Zwei Autostunden von Rom entfernt sind sie in freier Wildbahn wieder heimisch: Wölfe und Bären. In den Regional- und Nationalparks der Abruzzen gehören sie zum Leben dazu – und bescheren dem Wanderer ein gewisses Prickeln.

Von: Friederike Brauneck

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Außerhalb der historischen Dörfer wie Barrea trifft man sie manchmal in den Parks: Wölfe und Braunbären – ­etwas kleiner als ihre europäischen Artgenossen und hier leider nur präpariert.
© Friederike Brauneck

Hier ist der Weg gesperrt!“ Ich bin überrascht, denn ohne den Hinweis unseres Wanderführers Ruggiero wäre ich ahnungslos weitermarschiert. Kein Schild, keine Absperrung! Wer sich hier im Parco Nazionale D’Abruzzo aufhält, muss sich selbst bei der Parkleitung über Aktuelles informieren, erfahre ich. Gerade jetzt im Spätsommer reifen nämlich die schwarzen Beeren des Kreuzdorn-Strauches, absolute Leibspeise des heimischen Bären, die er nicht gerne teilt. Vorsicht im Umgang mit Meister Petz ist also geboten, Panik unsinnig.

Ebenso verhält es sich mit dem Wolf, der im Regionalpark ­Sirente Velino in schneereichen Wintern bis in die Dörfer kommt. Dennoch sind die Bewohner gelassen, denn diese Tiere gehören zu ihrem ­Leben dazu. Mit den Verwaltungen der Parks gibt es Vereinbarungen, dass für gerissene Schafe oder Rinder Entschädigungen gezahlt werden. Und so kommen einem auf Wanderungen dann auch Rinder- oder Pferdeherden entgegen: Kein Zaun schränkt sie ein, und sie trotten gemächlich ihrem Leittier hinterher. Ein ­schönes und außergewöhnliches Bild, das man in unserer dicht ­besiedelten Welt nicht mehr antrifft: Die Landschaft zieht sich endlos und ­unberührt, Natur und Mensch sind im respektvollen Einklang.

Die eiszeitlichen Täler hier sind bedeckt mit Buchen- und Eichenwäldern, die im Winter bis zu minus 20 Grad aushalten. Dieser Teil der Abruzzen gehört zum Apennin, der Italien in Nordwest-Südost-Richtung durchzieht. Am Gran-Sasso-Massiv erreicht er mit 2.912 Metern seinen Höhepunkt am südlichen Ende. Die Berge ­bestehen aus weichem Kalkgestein, das wasserdurchlässig ist und ­dadurch Höhlen bildet wie die Caves von Stiffe – eine Unterwelt aus kunstvoll geformten Kalkskulpturen.

Leben mit der Natur

Im Regionalpark Sirente Velino mit einer Größe von 50.000 Hektar westlich des Gran Sasso gibt es neben Bären auch etwa 20 bis 30 Wölfe. Auf diesem Terrain, das ungefähr der Größe ­Andorras entspricht, haben die Tiere den nötigen Bewegungsraum, denn sie legen am Tag regelmäßig Strecken zwischen 20 und 30 ­Kilometern zurück. Im ältesten Nationalpark Italiens, dem Parco d’Abruzzo Lazio e Molise etwas weiter südlich, leben etwa 40 ­Bären und 50 Wölfe auf gut 44.000 Hektar. Der Abruzzen-Braunbär ist daher auch das Wahrzeichen dieses Parks.

Aber die Einheimischen sind auch in anderer Hinsicht mit der Natur im Reinen, obwohl das nicht immer ein leichtes Mit­einander ist: Die Erde bewegt sich hier. Alle 300 Jahre kann es zu heftigeren Erdbeben kommen, wie zuletzt 2009 in L’Aquila. Die Stadt ist etwa 30 Autominuten vom Park Sirente Velino entfernt und für viele Menschen Arbeitsstätte. Der Wiederaufbau verläuft nur schleppend, auch wenn der damalige Präsident Berlusconi mit medienträchtigen Auftritten schnelle Hilfe versprach. Selbst in den kleinen verwunschenen Dörfern sind noch Spuren sichtbar. Aber das gehört hier zum Leben dazu – und niemand würde ­deswegen seine geliebte Heimat verlassen.

Genuss direkt aus dem Garten

Neben dieser Liebe zu ihrer Heimat ist für die Menschen in den ­Abruzzen vor allem gutes Essen wichtig, gerne in geselliger Runde. In den wärmeren Tälern wie im Valle de l’Aterno wächst alles an Gemüse und Kräutern, was des Koches Herz erfreut. Mehrgängige Menüs mit hausgemachter Pasta, Fleisch und Nachtisch sind für etwa 30 Euro zu haben und überzeugen mit ihren wunderbaren Aromen. So wie im Ristorante „Rinascimento“ in San Demetrio. Hier wird mit Lust und Freude gekocht. Der Chef des Hauses beherrscht nicht nur den Kochlöffel meis­terlich, sondern auch den Malpinsel, wie man am opulenten Deckengemälde feststellen kann.

Klassische Rezepte, ebenso schlicht wie genial, sind für die Abruzzen typisch: Lammfleisch oder -innereien in wunderbar würziger Sauce. Polenta ist hier zu Hause, ebenso wie ­hausgemachte Pasta. Für Schickimicki bleibt kein Platz.

Und auch als Weinproduzenten können die Abruzzen inzwischen mitreden. 2012 wurde zum ersten Mal mit einem weißen Trebbiano bei der „vin italia“, Italiens größter Weinmesse, ein Wein aus der Region als bester ausgezeichnet. Auch der Montepulciano aus den Abruzzen wird von Kennern sehr geschätzt. Als Abschluss der vielgängigen und üppigen Mahlzeiten, denen man nur schlecht widerstehen kann, wird gerne ein Genziano, ein Digestif aus der Enzianwurzel, gereicht. Wer es süßer mag, nimmt einen Nusslikör.

Einsames Paradies

Die beste Reisezeit für die Abruzzen dürfte der Spätsommer sein: Die große Hitze ist vorüber, und auch die Italiener sind wieder in ihre Städte zurückgekehrt. Zurück bleibt die spröde Unberührtheit der Natur fern von den Besuchermassen. Die kommen erst wieder, wenn später Schnee liegt – zum Skifahren und natürlich, um hier hervorragend zu essen.

Ach ja, mir ist keiner begegnet: kein Wolf, kein Bär. Schade eigentlich, vielleicht beim nächsten Mal!

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© Friederike Brauneck
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© Friederike Brauneck

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2013

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