Auf Pilgerpfaden ins Santiago des Nordens

Im Mittelalter war Trondheim das religiöse Zentrum Norwegens und ein wichtiger Wallfahrtsort für Nordeuropa. Heute werden die Pilgerwege von ganz unterschiedlich motivierten Menschen genutzt und vermitteln faszinierende Einblicke in die Natur, Geschichte und Kultur des Landes.

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Unberührte Landschaften: Das Dovrefjell-Gebirge markiert den Übergang von Süd- nach Mittel­norwegen. Es steht weitgehend unter Naturschutz.
© David Tett

Text: Andreas Ohlberger

Sanfte grüne Täler und schroffe Gebirgszüge wechseln sich ab. Durch dichte Wälder und über pittoreske Hochebenen führen die Feld- und Schotterwege dem Pilgerziel entgegen. Entlang von Seen und durch Flüsse. Am Ende des letzten Anstiegs entschädigt der Blick auf das im Tal liegende Ziel aller sechs norwegischen Olavswege für die zurückliegenden Mühen. Harmonisch schmiegt sich Trondheim an die welligen Hügel der für Mittelnorwegen so typischen Fjordlandschaft. Schon von Weitem sind die Turmspitzen des Nidarosdoms zu sehen.

Im Jahre 997 von König Olav I. Tryggvason als Stadt mit dem Namen Nidaros gegründet, entwickelte sich Trondheim zu einem blühenden Handelszentrum. Im Mittelalter war es Sitz des Königs und damit die Hauptstadt Norwegens. Mit der Begründung der Olavs-Tradition wurde die Stadt zudem religiöses Zentrum des Landes und wichtiger Wallfahrtsort für Pilger aus Nordeuropa. König Olav II. Haraldsson hatte den Versuch, das Land unter dem Banner des Christentums zu einen, im Jahre 1030 in der Schlacht bei Stiklestad im heutigen Verdal mit dem Leben bezahlt. Die Überführung seiner sterblichen Überreste nach Trondheim und seine Heiligsprechung durch Papst Johannes XIX. im darauffolgenden Jahr begründeten die Geschichte Trondheims als Wallfahrtsort. Die Wallfahrt auf dem Olavsweg ersetzte für viele Gläubige der damaligen Zeit die Pilgerreise nach Rom und entsprach damit in ihrer religiösen Bedeutung der des Jakobsweges für Franzosen oder Spanier.

Den einen Olavsweg gibt es aller­dings nicht. Vielmehr besteht er aus einem ganzen Netz von ­Pilgerwegen. Sie folgen Routen, die Olav II. selbst gegangen ist oder die mit seinem Leben und seinen Taten verknüpft sind. Heute sind alleine in Norwegen Wegstrecken von rund 2.000 ­Kilometern Länge als Olavswege ausgewiesen. Hatten Wallfahrten traditionell einen religiösen Hintergrund, sind die Gründe für Wanderungen auf dem Olavsweg heutzutage sehr individuell. Die einen betrachten es als Bildungsreise, für andere gibt die Freude am Wandern durch die unberührte Natur den Ausschlag.

Der Gudbrandsdalsweg ab Oslo ist mit 643 Kilometern ausgewiesener Strecke der längste der sechs Olavswege. Entlang der Route liegen unzählige Kulturschätze verborgen. Der Wanderer trifft auf alte Grabstätten, Ruinen mittelalterlicher Kirchen und anderer historischer Gebäude. Nach Verlassen der Stadt gabelt sich der Weg, und zwei verschiedene Routen führen am größten Binnensee Norwegens, dem Mjøsa, vorbei. Der Pfad am Ostufer geht an Groruddalen vorbei und entlang dem tief im Wald liegenden Stangen. Am Westufer führt der Pfad zur alten Kirche in Aker und durch Hadeland. Auf dem Weg passiert man den kleinen Ort Bønsnes am Westufer des Mjøsa, die Geburtsstätte des heiligen Olav. Im weiteren Verlauf warten in Granavollen die Søsterkirkene, zwei Steinkirchen aus dem Mittelalter, auf die Wanderer. Von Granavollen aus geht es über Hoffsvangen nach Kapp, wo der Skibladner, der älteste noch fahrende Raddampfer der Welt, die Wanderer sicher ans andere Ufer, nach Hamar, bringt.

Kulinarische Tradition im Gudbrandstal

In Lillehammer, dem Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1994, treffen die beiden Pfade wieder aufeinander. Von hier aus führt der Weg hinunter ins Gudbrandstal, mit rund 320 Kilometern Länge das längste Tal des Landes. Hier, inmitten der wilden Weite Norwegens, wird auch kulinarisch etwas geboten. Einige Höfe und Gutshäuser im Tal bieten traditionelle, regional-typische Speisen an.

Gut gestärkt wartet der Aufstieg ins schroffe Dovregebirge. 1.300 Höhenmeter mussten die Pilger schon damals auf dem Weg durch das unwirtliche Hochgebirge überwinden. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ist der Anstieg geschafft, stehen nur noch die Wälder und Flüsse der Provinz Sør-Trøndelag zwischen den Wanderern und ihrem Zielort Trondheim, dessen Silhouette mit den markanten Domspitzen schon bald ins Blickfeld rückt. Wem diese Strecke nicht reicht, der kann noch weiter im Süden starten. Im Küstenörtchen Son beginnt der ­Followeg, der südlichste Pilgerweg Norwegens. Über ihn strömten im Mittelalter viele Deutsche und Niederländer in Richtung Oslo, denn dort stellt er die Verbindung zum Gudbrandsdalsweg her.

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Auf Wegsteinen mit dem Olavskreuz erfahren Wanderer, wie weit ihr Ziel, der Nidarosdom in Trondheim, noch entfernt ist.
© David Tett

Ein anderer großer Abschnitt des Olavsweges, der „St. Olavsweg“, beginnt 53 Kilometer von der schwedisch-norwegischen Grenze entfernt, in Stiklestad. Auf dem einstigen Schlachtfeld steht heute eine Kirche. Von hier führt der Weg durch ­Wälder, Täler und die fruchtbare Kulturlandschaft der Region Trøndelag. Bei Munkeby in Levanger teilt sich der Pilgerweg in einen ­„inneren“ und einen „äußeren“ Abschnitt. Während die innere Route auf Wald- und Schotterwegen durch die für die Region typischen dichten Wälder führt, wandert man auf dem „Ytre led“, dem äußeren Weg, größtenteils auf asphaltierten Straßen durch die Ortschaften und Dörfer am Trondheimsfjord.

Naturliebhabern, die Zelt und Schlafsack jederzeit einem Hotel- oder Pensionsbett vorziehen, empfiehlt sich der Østerdalsweg. Im Spätmittelalter herr­schte auf dieser Strecke reger Pilgerverkehr, denn sie verbindet zwei bedeutende skandinavi­sche Wallfahrtsorte: Trondheim, die Stadt des heiligen Olav, und Vadstena, die Stadt der heiligen Birgitta von Schweden. Auch der Østerdalsweg ist zweigeteilt: Ein Teil beginnt in Trysil, an der Grenze zwischen Norwegen und Schweden. Von hier aus sind es laut Meilenstein in Lutnes 379 Kilometer bis Trondheim. Die andere Strecke beginnt in Nesvangen in der Kleinstadt Rena (Kommune Åmot) und führt durch Stor-Elvdal und Rendalen nach Åkre, wo sich die beiden Wege vereinigen. Das letzte Stück leitet die Wanderer durch den Forollhogna-Nationalpark bis hin zum beliebten Skigebiet Vassfjellet. Von hier sind schon die Spitzen des Nidarosdoms zu sehen.

Samische Kultur entlang des Pilgerwegs

Norwegens ältester Pilgerpfad, der Romboweg, war zugleich eine alte Handels- und Transportroute. Sie verband die fruchtbaren schwedischen Wälder mit Norwegens wildem Hochland. Am Startpunkt in Skardøra, an der Grenze zu Schweden, finden sich noch Spuren der traditionsreichen südsamischen Kultur. Von hier aus passieren Pilger auf dem Weg nach Selbu zunächst Tydalen und Neadalen. Der Weg schlängelt sich durch schroffe Bergregionen, üppige Wälder und fruchtbare Kulturlandschaft. Dieses Teilstück des Olavsweges besticht durch seine spektakuläre Aussicht auf die Bergmassive Sylan, Skardørsfjella, Fongen, Bringen und Rensfjell. Von Selbu aus – die dortige Kirche war einst wichtiges Ziel der Pilger im Mittelalter – marschiert man durch die Wälder von Malvik, vorbei an Saksvikskorsen. Von hier aus kann man schon die Spitzen des Nidarosdoms in Trondheim sehen.

Bis auf eine Ausnahme verlaufen alle Routen des Olavsweges aus südlicher Richtung gen Norden oder Nordwesten. In Grong, genauer an der Gløshaug-Kirche, beginnt der einzige norwegische Pilgerweg, der von Norden nach Süden führt, folgerichtig Nordweg genannt. Historischer Hintergrund: Im Mittelalter waren die Kirche in Gløshaug und die Siedlung Kongsmoen die letzten Außenpos­ten auf dem Landweg nach Norden. Überall entlang des Nordwegs trifft man auf historische und kulturelle Stätten, die an den heiligen Olav und seine ­Geschichte erinnern. In Gestalt von Kirchengebäu­den, Kunstwer­ken und den ­„St. Olav­s­kildene“, den sagen­umwobe­nen heiligen Quellen, die überall entlang des Pfades zu finden sind. Nicht zuletzt führt auch dieser Weg die Pilger über Stiklestad.

Auf welchen der sechs Olavswege die Wahl des Wanderers letzten Endes auch fällt, immer werden seine Schritte den Spuren unzähliger Menschen folgen, die den gleichen Weg als Beweis ihrer Glaubenstreue auf sich genommen haben. Ganz gleich ob gläubig oder nicht: Nach einer langen Wanderung endlich am Ziel in Trondheim, am mächtigen ­Nidarosdom, anzukommen, ist für jeden ein erhebendes Erlebnis, das man sein Leben lang nicht vergisst.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2015

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