Einmal wandern statt schweben

Die ehemalige Bahntrasse in Wuppertal führt Wanderer in eine Zeit, als Barmen und Elberfeld noch blühende Industriestädte waren. Zugleich zeigt sich, wie die Nordbahntrasse heute als Freizeit- und Arbeitsweg Mensch und Umgebung beeinflusst. Auch an grauen Wintertagen lohnt sich eine Reise.

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Zahlreiche Brücken und Viadukte bestimmen den Trassenverlauf.

Text: Kerstin Börß

Stopp, ihr seid dran vorbei! Da links ging es runter“, ruft Lutz Eßrich seiner kleinen Wandergruppe hinterher. Die Markierung des Sauer­ländischen Gebirgsvereins kam etwas zu plötzlich und unverhofft, gerade hatten wir noch die Fertighauswelt in Wuppertal-Oberbarmen rechts liegen gelassen und dem Geruch der Lachsräucherei widerstanden. Die Mienen der Wanderer, die an diesem winterlichen Tag im Bergischen Land am frühen Morgen die warme Funktionskleidung herausgesucht haben, zeugen von Skepsis – zumindest die Teile der Gesichter, die nicht von Mützen, Kapuzen und Schals verdeckt sind. Vor einer Viertelstunde hatte Eßrich, der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Wuppertalbewegung, am Bahnhof in Oberbarmen, einem Pendler-Hotspot, an dem sich mit Zug, Bus und Schwebebahn die Dreifaltigkeit des Wuppertaler ÖPNV trifft, verkündet: „In Wuppertal ist das so: Egal in welche Richtung man aufbricht, man hat es nicht weit ins Grüne.“ Doch auch nach der kurzen Busfahrt auf die Höhen rauscht im Hintergrund noch die – aus diversen Verkehrsnachrichten gut bekannte – A 46. Kurz hinter einem Geschäft mit antiken Spielwaren folgen wir dann auf Zuruf unseres Guides dem markierten schmalen Pfad, der zum Graf-Engelbert-Weg gehört. Im Ganzen führt dieser über 100 Kilometer lange Weg von Hattingen im südlichen Ruhrgebiet bis an die Sieg. Ein Abschnitt des Wanderweges, der 1935 das erste Mal markiert wurde, dient uns als Einstieg, um Wuppertals grüne­ Seite heute nicht schwebend, sondern wandernd zu entdecken.

Alte Industrieregion

An den meisten Tagen im Jahr wäre Lutz Eßrichs grünes Versprechen schon nach wenigen Metern eingelöst. Denn prompt stehen wir auf einer weiten Wiese, und vor uns erstrecken sich im Grenzgebiet zwischen Wuppertal und Sprockhövel Felder und in Nebel gehüllte hügelige Wälder. Durch ein Naturschutzgebiet sind wir mittlerweile auf dem Wanderweg „Rund um Wuppertal“ unterwegs. Doch das Grün versteckt sich heute unter einer millimeterdünnen weißen Decke. Umso grüner leuchten­ dafür kurz darauf die ange­strichenen Fensterläden der Bergischen Fachwerkhäuser am Wegesrand. Schlagartig rücken auch die Werbeschilder der Fertighauswelt in weit entfernte Sphären. Dafür erscheint im Kopf ein bebildertes Hochglanzheft zur traditionellen Architektur des Bergischen Landes, das sich Kilometer für Kilometer selbst weiterblättert. So folgt auf die kleine Fachwerkhaussiedlung der ehemalige Bahnhof Schee, ein renoviertes Gebäude im für die Region so typischen Schiefergewand. Spätestens, als wir den Bahnhof passieren, hat sich das Motto der Tour gewandelt. Die Frage, ob es denn wirklich Natur nahe der Stadt gibt, ist erfolgreich geklärt. Als neues Leit­motiv drängt sich die Geschichte der alten Industrie­region auf. Was zunächst nach Recherche in verstaubten Büchern klingt, wird an der Bushaltestelle Silberkuhle ganz real erkenn- und ertastbar. Hinter dem Wartehäuschen ragt eine Bruchwand mit Profil in Tonschiefer und Sandstein hervor. ­Neben dem historisch spannenden Windschutz bietet sich die Haltestelle dank eines Park-and-Ride-Platzes zudem ideal als Wanderstartpunkt für Autofahrer an. 

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Lutz Eßrich, stellvertretender Vorsitzer der Wuppertalbewegung, kennt jede Ecke der Trasse.

Die Wuppertalbewegung

Der verschieferte Bahnhof Schee ist nicht nur architektonisch interessant, sondern stellt mitsamt dem von Fledermäusen bewohnten Tunnel Schee auch den östlichen Beginn des 23 kilometerlangen Freizeitweges Nordbahntrasse dar. Von 1879 bis zur Stilllegung des Personenverkehrs 1991 und dem Ende der Güterzug­linie acht Jahre darauf fuhren auf der Trasse noch Züge. Aufgrund der Konkurrenzstrecke, der Bergisch-Märkischen Strecke im Tal, lohnte sich die Rheinische Bahnstrecke über die Höhen Wuppertals nicht mehr. „Ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, erzählt Eßrich, als er sich mit Blick auf ein kleines Jesuskreuz auf eine Holzbank in der Wichernkapelle setzt­, der trasseneigenen Begegnungsstätte der Religionen. 2006 hatte er in der Zeitung gelesen, dass ein Verein Leute sucht, um einen Freizeitweg auszubauen­. „Da habe ich noch nicht geahnt, dass das ein Vollzeitjob wird“, sagt der Mann, der mittlerweile den stellvertretenden Vorsitz des Vereins innehat. Hinter der Zeitungsanzeige steckte der heutige Vorsitzende der Wuppertalbewegung, Carsten Gerhardt, der bei einer Wanderung über die zugewachsene, verwilderte Trasse auf die Idee kam, den Wuppertalern die Strecke zum Wandern und Fahrradfahren zurück­zugeben. Die Initiative sammelte 2,5 Millionen Euro Spenden und beschaffte­ der Kommune so den Eigenanteil für die Förderungen durch Land, Bund und Europäische Union. Zu Ehren des größten Spenders trägt die Trasse zusätzlich den Titel „Jackstädtweg“. 32 Millionen Euro flossen bisher insgesamt in die Trasse, die Ende 2014 eingeweiht wurde. Rechts der Strecke erinnern Gleisreste, die teilweise mit einer Draisine noch ­befahrbar sind, an den Bahnbetrieb. 

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Unser Endpunkt der Wande­rung, der ehemalige­ Bahnhof Mirke, ist heute Künstler-­Treffpunkt und Café.

Naturschutz auf Schienen

Der Weg zieht sich durch Naturschutz­gebiete wie das Dolinengelände Im Hölken und waldreiche Landschaftsschutzgebiete, durch Tunnel, über Brücken und Viadukte und bietet im weiteren Verlauf städtische Ausblicke ins Tal. Als wir in Wuppertal-Barmen über die Dächer schauen, haben mittlerweile Ziegelsteingebäude das Fachwerk abgelöst. Schließlich gab es zur Blüte der Industriestädte Barmen und Elberfeld unweit der Trasse über dreißig Ziegeleien­. Aus einem alten Ziegelgebäude ist ein Schulgong zu hören, und Kinder laufen mit Schulranzen auf die Trasse, die für sie neben­ Freizeitvergnügen auch Schulweg ist. Unser Endpunkt ist heute mit insgesamt 17 Kilometern in den Füßen der Bahnhof Mirke­ – ein Baudenkmal das unter anderem einen Konzertraum, eine Fahrradwerkstatt und ein Café beherbergt. Bei einer finalen Tasse Kaffee berichtet ­Eßrich von einer Gruppe Schwaben, die schon zwei Mal nur für die Nordbahntrasse hochgekommen sind. „So was hätte es ja früher nicht gegeben: nach Wuppertal!“, tippt er sich beim letzten Wort an die Stirn, schultert seinen Rucksack mit dem großen Tatzen-Motiv, verlässt die Trasse und schlendert in die wenige Minuten entfernte Wuppertaler Innenstadt.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 01 / 2017

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