Mit Kindern hoch hinaus

Trittsicher sollten Sie sein, und Höhenangst dürfen Sie auch nicht haben – wenn diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind, kann man auch mit Kindern auf dem höchsten Berg Deutschlands wandern und einfach nur staunen.

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Kletter-Pause auf dem Feldernjöchl (2.045 Meter): Lara, Kilian, Marco und Elea (von links nach rechts).
© Bianca Claße

Text: Claudia Steiner, Fotos: Bianca Claße

Ist das wirklich der höchste Berg Deutschlands?“ „Wie hoch ist die Zugspitze überhaupt?“ „Wie lange dauert der Weg?“ Fragen über Fragen. Mein elf Jahre alter Sohn Kilian und die Zwillinge Lara und Elea (10) sind aufgeregt. In zwei Tagen laufen wir, mein Sohn, meine Freundinnen Sabine und Bianca samt ihren Zwillingstöchtern auf den 2.962 Meter hohen Gipfel. Wir haben eine der einfacheren Routen gewählt: Ausgangspunkt ist die Ehrwalder Alm, wo uns auch schon Bergführer Marco von der Alpinschule Lermoos erwartet. „Seid ihr fit?“, fragt er uns. Zurück kommt ein eher zögerliches „Jaaa, na ja, geht so“.

Die ersten Stunden laufen wir auf Ziehwegen, über üppige Almwiesen, vorbei an wunderschönen Kühen und Kälbern mit perfekter Ponyfrisur. Am Wegesrand blühen Bergrosen und Enzian. Vor uns türmt sich das mächtige Wettersteinmassiv auf. „Ja, wo ist denn nun die Zugspitze?“, fragen die Kinder und sind nur kurz enttäuscht, dass man den Gipfel in den ersten beiden Stunden der Wanderung gar nicht sehen kann. Dafür gibt es viele andere Dinge zu bestaunen: Marco hält vor einem wuseligen Ameisenhaufen an, legt seine flache Hand ganz dicht über die Insekten und wartet. Nach ein, zwei Minuten lässt er uns an der Hand schnuppern – und tatsächlich, die Ameisensäure ist zu riechen. „Fast wie Essig“, ruft Kilian. „Das hat mir mein Opa gezeigt, ist gut gegen Rheuma“, erklärt Marco. „Wollt ihr es auch mal probieren?“ „Nein, nein“, rufen die beiden Mädchen.

„Wo ist der Gipfel?“

Nach etwa zwei Stunden machen wir eine Pause auf dem Feldernjöchl, eine Einschartung auf 2.045 Metern Höhe. Auf der einen Seite geht es steil runter, auf der anderen erstreckt sich eine prächtig blühende, wenn auch steil abfallende Wiese. Wir packen Brot, Salami, Bergkäse, Müsliriegel und Gummibärchen aus. Schnell fliegen ­freche Dohlen heran und schnorren Brotstückchen von unserer Vesper. Zum Essen kommen die Kinder nicht nur wegen der schwarzen Vögel kaum. In einer steilen Bergwand gegenüber von unserem Rastplatz entdecken sie nämlich Gämsen, die wie kleine Punkte im Fels stehen. Schnell packen die Kinder das Fernglas aus und beobachten abwechselnd das flinke Steinwild. Auch Jungtiere sind dabei, scheinbar mühelos klettern sie sogar durch eisige Schneefelder.

Dann laufen wir weiter und sehen immer wieder Murmeltiere, die einen lauten Pfiff ausstoßen, wenn sie uns erblicken. Bald darauf kommen wir schon zum Gatterl, wo wir selbst klettern müssen – ein bisschen wie die Gämsen zuvor. Das Gatterl heißt so, da mitten im Gebirge eine kleine Eisentür und ein Zaun stehen: der Grenzübergang zwischen Österreich und Deutschland. Früher gab es hier tatsächlich Grenzkontrollen; vor wenigen Wochen, zum G7-Gipfel im ­bayerischen Elmau, auch. Heute fragt aber niemand nach unseren Pässen. Wir öffnen das quietschende Gatter und sind in Deutschland. Noch gut zwei Stunden geht es über Schotter, schroffe Felsen und steinige, schmale Pfade, bis wir schließlich auf der 2.052 Meter hoch gelegenen Knorrhütte ankommen. Hier bleiben wir für die Nacht, spielen Mühle und Uno, essen Frittatensuppe und Brotzeitteller mit Speck und Käse und kuscheln uns dann in unsere Schlafsäcke – um 22 Uhr ist Hüttenruhe.

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Blendend schöne Aussichten: Am zweiten Tag geht es auch über Schneefelder.
© Bianca Claße

Ein letztes Stück ewiges Eis

Am nächsten Morgen hat es gerade mal acht Grad Celsius, doch der Himmel ist wieder tiefblau. Steil geht es bergauf. Wir kommen ganz schön aus der Puste. Ab und an schließen sich blökend ein paar Schafe an, die den ganzen Sommer hier oben sind. Immer wieder stapfen wir über rutschige Schneefelder. „Das war hier alles mal Gletscher“, erzählt Marco. Viel übrig geblieben ist leider nicht davon, nur bei der Sonnalpin­alm weiter oben findet sich noch ein bisschen ewiges Eis, auf dem Touristen auch im Sommer mit Rodeln runterrutschen. Für das restliche und ausgesetzte Stück hoch zum Gipfel – das etwa eineinhalb Stunden dauern würde – nehmen wir die Gondel, denn ausrutschen oder stolpern darf man in dem ausgesetzten Gelände auf keinen Fall. Kilian ist zuerst etwas enttäuscht. „Das ist doch wie schummeln.“ Aber Marco meint tröstend: „Ihr wart echt super – ihr könnt auf alle Fälle stolz auf euch sein.“

Auf der Plattform haben wir einen traumhaften Ausblick, wir sehen Gipfel in Deutschland, Österreich, der Schweiz und sogar in Italien. Aber es herrscht auch ordentlicher Trubel: Touristen aus den USA, Japan und Korea, die mit der Gondel hochgefahren sind, stellen sich mit uns für die letzten 20 Meter in der Warteschlange zum Gipfel an. Ein Gipfelfoto muss schon noch sein. Und dann ist Kilian auch wieder versöhnt – schließlich haben die Touristen aus Japan beim Aufstieg viel mehr geschummelt als wir.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 06 / 2015

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