Nationalpark im Engadin: Schaulaufen der Alpentiere

Prachtvolle Hirsche, majestätische Steinböcke und coole Bartgeier – ein Fernglas vorausgesetzt, ist dies alles im einzigen Nationalpark der Schweiz in Graubünden zu bewundern. Die vorwitzigen Murmeltiere dagegen ­geben sich unbefangen. Sie wissen: Ihre Feinde kommen aus der Luft.

Text: Friederike Brauneck

Dass mir der Anblick eine solche Freude bereiten würde, hätte ich nicht gedacht: Ich schaue durch ein Spektiv und lande optisch mitten in einem würdevollen Altherrenclub: einer Herde Hirsche, einer prachtvoller als der andere, im bislang einzigen Nationalpark der Schweiz, im Engadin. Zwölfender, Vierzehnender, mächtige Schultern, die die imposante Last des Geweihs stemmen. Die herrschaftlichen Exemplare sind für uns Laien mit dem bloßen Auge schwer zu entdecken. Aber unser Führer, Martin Schmutz, kennt seine Pappenheimer und weiß, an welchen Hängen sie sich gerne aufhalten. Und so richtet er sein Spektiv immer wieder gezielt auf weit entfernte Höhen, um uns die nächste Herde vorzuführen. Mal sind es Steinböcke, die als Wappentier eine besondere Bedeutung für den Kanton Graubünden haben. Oder auch zierlich-­elegante Rehe, die Damen oftmals von Kitzen begleitet, die direkt dem Zeichenstift Walt Disneys entsprungen sein könnten. In den Rudeln gilt Geschlechtertrennung, nur zur Paarungszeit kommt man sich näher. Und es ist an den Damen eines Harems, sich ab und an für einen anderen Platzhirsch zu entscheiden, um eine gesunde Durchmischung ihres Genpools zu sichern.

Nach amerikanischem Vorbild

Martin Schmutz hat es vor 30 Jahren als Skilehrer ins Engadin verschlagen. Die Natur im Allgemeinen und der Nationalpark im Besonderen zogen ihn in ihren Bann. Inzwischen ist der 58-Jährige ausgebildeter Exkursionsleiter, kennt jeden Stein, jede Pflanze und jedes Tier – vom Hirsch über den Steinadler bis zur Ameise. Es ist eine Freude, ihm zuzuhören, und Natur wird zu einer spannenden und raffiniert-ausge­klügelten Angelegenheit.

Dieser bislang einzige Nationalpark im Osten der Schweiz zwischen S-chanf und Zernez entstand nach dem Vorbild des nord­amerikanischen Yellowstone-Nationalparks und feiert 2014 seinen hundertsten Geburtstag, erklärt Martin Schmutz mit Stolz „sein Revier“. Mit 170 Quadratkilometern ist es etwa so groß wie die Stadt Wuppertal. 2010 ernannte die UNESCO das angrenzende Münstertal zum Biosphären­reservat, so dass eine geschützte Umgebungszone entstand. Hier ist Bewirtschaftung in Maßen möglich, eine Nutzung als Skigebiet allerdings ausgeschlossen. Eine Vergrößerung des Nationalparks wurde von den angrenzenden Gemeinden abgelehnt. Denn in einem Areal mit höchstem Schutzstatus wird keinerlei Bewirtschaftung geduldet.

Die drei wesentlichen Aufgaben eines Nationalparks lauten: Schutz, Forschung als Open-air-Labor und Information. Das bedeutet auch, dass im Park Fahrräder und Hunde verboten sind und ein striktes Wegegebot gilt. Immerhin kann man sich auf 80 Kilometern Wanderwegen durch diese unberührte Natur bewegen, in der nur an den Pfaden Instandhaltung erlaubt ist. Übernachtung im Park ist nach Anmeldung in der Hütte Cluozza von Juni bis Oktober möglich. Und als kleine Warnung sei angemerkt, dass der Wanderer keine Toilettenhäuschen erwarten darf. „Der Mensch“ sagt Martin Schmutz und sieht dabei sehr streng aus: „darf Eindrücke mitnehmen, sonst nichts!“ Und eben auch nichts –außer purer Natur – zurücklassen.

Die Natur hat Vorrang

Für die Einhaltung der strengen Spielregeln stehen Martin Schmutz acht Parkwächter zur Seite. Wir treffen zwei von ihnen auf Patrouille, gut zu erkennen an ihrem wetterfesten grauen Outfit mit dem Tannen­häher-Emblem des Parks. Sie betonen, dass sie keine Ranger nach amerikanischem Vorbild sind. Erst auf hartnäckiges Nachfragen hin stellt sich heraus, dass Nationalparkwächter eine zweijährige Ausbildung als Wildhüter durchlaufen und jagdlich geprüft sind: Sie dürfen eine Waffe mit sich führen.

Dies ist nicht nur nötig, um verletztem Wild den Gnadenschuss zu geben, sondern auch, um sich gegen Wilderer zu behaupten. Denn im Nationalpark darf zu keiner Zeit gejagt werden. Und das Wild aus den umliegenden Wäldern wandert zur Jagdsaison in Scharen zielstrebig über die offenen Grenzen in die geschützte Zone. Da blutet so manchem Jägersmann das Herz, wenn er die prachtvollen Objekte seiner Begierde unerreichbar jenseits der mit gelben Winkeln markierten Grenze stehen sieht. Wilderei angesichts solch paradiesischer Fülle im Nationalpark ist zwar selten, kommt aber vor.

Vorsicht, Gefahr!

Dann geht es weiter auf Wiesen, wo wir auch endlich die Verursacher der kurzen scharfen Pfiffe zu Gesicht bekommen, die man hier ab und zu hört: Murmeltiere ­stehen kerzengerade, als wollten sie salutieren. Sie sind recht kess und widmen sich auch in unserer Gegenwart genüsslich ihrer Hauptbeschäftigung: dem Fressen. Sie werden bis zu sechs Kilogramm schwer, denn für den Winterschlaf brauchen sie Fettreserven. Die restliche Lebenszeit wird aufgeteilt für die Pflege sozialer Beziehungen oder Arbeit am Bau – und ansonsten chillen sie einfach in der warmen Alpensonne, wie Martin Schmutz uns erklärt.

Früher wurden Murmeltiere von Menschen gejagt, weil ihr Fett eine entzündungshemmende Wirkung wie Kortison enthalten soll. Heute pfeifen die possierlichen Tiere nur bei Gefahr aus der Luft: Greifvögel wie der Steinadler etwa. Von denen gibt es noch 32 Paare im Engadin. Die Vögel werden bis zu 30 Jahre alt, leben monogam und benötigen als Jagdgebiet ein Areal von dreißig bis achtzig Quadratkilometern pro Paar. Für die Versorgung ihres Nachwuchses schlagen die routinierten Jäger ihre Beute oberhalb des Horstes, um sich den Transport zu erleichtern. Da diese Vögel sehr dominant sind, kann man mit etwas Glück rasante Luftkämpfe beobachten. Das ist uns leider nicht vergönnt. Selbst Martin Schmutz entdeckt trotz geübten Blickes heute keine Adler.

Gefährlicher Flugversuch

Dafür zeigt er uns in einer Felsenwand hoch oben zwei jugendliche Bartgeier, die wir ohne ihn und sein Spektiv nie entdeckt hätten. Von den Altvögeln keine Spur. Die beiden Halbstarken sitzen etwas unentschlossen auf einem Felsenvorsprung. „Denn“, erklärt Martin Schmutz, „der erste Flugversuch kann tödlich enden.“ Das scheint den beiden Youngstern bewusst. Sie zögern, und wir erleben diesen entscheidenden Schritt ins Erwachsenen­dasein nicht mit.

Mittlerweile sind die Schatten lang geworden, Appetit macht sich breit. Aber wir befinden uns bereits in der Nähe der Parkhütte Varusch am Rande des Nationalparks, wo uns in der Stube in rot-weiß-kariertem Ambiente herrliche Bündner Spezialitäten erwarten. Die Eindrücke des Tages von dieser unberührten ­Natur begleiten mich noch lange.

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Spannend: Nach einiger Zeit kann man Tiere an den Hängen auch mit bloßem Auge erkennen. © Friederike Brauneck, pa/dpa

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 02 / 2012

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