Ölbrennen im Sarntal

Die Produktion von ­Latschen­kiefernöl hat im Südtiroler Sarntal eine lange Geschichte. Unser Autor hat sich auf die Spuren dieser Tradition begeben und die „Reischner“ genannten ­Männer ­begleitet, die die extrem stabilen Latschen oberhalb der Baumgrenze ernten.

Text und Fotos: Ralf Scholze

Durch eine tiefe Schlucht ist das Sarntal vom Bozner­ ­Talkessel getrennt, die Gebirgs­pässe bilden eine natürliche Barriere zu den umliegenden Tälern. Wer ins Sarntal will, muss von Bozen aus durch ebenjene­ finstere, wild-romantische Schlucht, die der Talferbach in Tausenden von Jahren in das harte Gestein gefressen hat. Es geht über eine kurvenreiche, schmale Straße, die durch enge, dunkle Tunnel entschärft wurde. Inzwischen durchfährt man ­bereits die zweite und dritte Tunnelgeneration. Am Ziel aber wartet unverändert eine ­eigene Welt, eine Welt, in der Traditionen ­vielfach noch wie in vergangenen Tagen gelebt werden. Traditionen wie das Kunsthandwerk der Federkielstickerei – oder die Latschenölbrennerei.

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Knochenarbeit: Um die 50 Kilo dürfte das Bündel Latschenkieferzweige ­wiegen, das der Sarntaler Latschen­ölbrenner Philipp Eschgfeller hier schultert.
© Ralf Scholze

Latschenölbrenner aus Passion

Philipp Eschgfeller ist Latschenölbrenner aus Passion. „Die Latschenkiefer“, erklärt er, „ist ein extrem widerstandsfähiger Strauch und kommt in den nördlichen und südlichen Kalkalpen wie auch hier im Sarntal oberhalb der Baumgrenze vor. In der Almregion zwischen 1.800 und 2.600 Meter Höhe wächst kein Baum mehr, gibt es keinen Schutz vor der ultravioletten Strahlung der Sonne, keinen Schutz vor Wind und Wetter. Es sind die krummen, elastischen Äste, die regelrecht über den Boden zu kriechen scheinen, die der Latsche die Stabilität verleihen, durch die sie nahezu jeden Schneesturm und jede Lawine ohne größere Schäden übersteht.“ Philipp ist fest davon überzeugt, dass die besten Latschen für das beste Öl hier im Sarntal wachsen. Mit seinem Unimog fährt er uns in langen Serpentinen den Pichl­berg zur Pfnatsch­alm hinauf. Oben sind wir mitten in der Latschenregion des Sarntals. Der Unterschied zu den Latschengürteln an den Hängen von Karwendel und Wetterstein im Norden oder in den Dolomiten ist deutlich: Hier bilden die Latschenfelder am Wegesrand blickdichte grüne Wände ­voller spitzer, duftender Nadeln. Ohne Axt und Motorsäge ist da kein Durchkommen. Dass die Latschen hier so prächtig gedeihen, liegt in der Vergangenheit dieser Alpen­region begründet. Vor 285 Millionen Jahren brodelten in dieser Gegend riesige Vulkane­ und stießen immer wieder gewal­tige ­Lavamengen aus, bis schließlich eine ­Fläche von über 2.000 Quadratkilometern unter einer über 4.000 Meter hohen ­Lavaschicht verschwand. ­Übrig blieb das rötliche, saure Gestein voller Mineralien. Wenn dieses Gestein verwittert, bildet sich ein extrem fruchtbarer Untergrund, der so ziemlich alles an Spurenelementen enthält, was die Pflanzen zum Leben brauchen. Wenn die letzten Schneefelder verschwunden sind, präsentieren sich die Almwiesen deshalb als ein wahres ­Blütenmeer. Würden die Sarner hier den Latschen nicht regelmäßig zu Leibe rücken, die herrlichen Almwiesen würden binnen weniger Jahrzehnte unter riesigen Feldern wild wuchern­der Latschenkiefern verschwinden. Im Sommer, wenn sich der Schnee auf die Gipfel der Sarntaler Alpen zurückgezogen hat, brechen die Latschenkieferölbrenner frühmorgens mit Trecker oder Unimog auf, um die Latschenfelder auf 2.000 bis 2.500 Metern Höhe zu erreichen, bevor die Sonne zu stark sticht. Mit Axt und Motor­säge roden­ die „Reischner“, wie diese Männer hier genannt­ werden, ganze Latschenfelder. Die kleinen, dünneren Äste voller Nadeln und Zapfen werden mit Seilen zu handlichen Pake­ten gebunden und dann auf der Schulter zum Hänger des Traktors getra­gen. Na ja, ­zumindest sehen die Pakete handlich aus. „Oh mein Gott“, stöhnt jedoch Christiane vom Fremdenverkehrsverband, als sie versucht, eines zu schultern. Philipp schmunzelt: „Das Packerl dürfte so um die 50 Kilo wiegen. Wenn der Hänger voll ist, dann weißt du, was du geschafft hast. Dann tut der Buckel so richtig weh. Aber da hilft ein Latschenkieferbadl.“ Doch dazu kommen wir später. Erst einmal geht es um die Produk­tion des duftenden Öls, das in medi­zinischen Anwendungen etwa gegen Beschwer­den der Atemwege eingesetzt wird.

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Nach der Destillation muss das Öl noch ­einmal gefiltert werden, dann ist es fertig.
© Ralf Scholze

Ölbrennen

Dazu werden unten im Tal im nächsten Schritt die Bündel aufgebunden. Die Latschenkieferzweige wandern in einen Häcksler, das gehäckselte Material wird anschließend langsam über ein Förderband in die Brennblase befördert. Acht Kubikmeter gehäckselte Zweige, ­Nadeln und Latschenkieferzapfen finden darin Platz. Dann wird die Brenn­blase geschlossen und der Heizkessel in Gang gesetzt. Dort verbrennen die ­dickeren Äste aus dem Latschenkieferfeld zusammen mit dem Material, das beim letzten Brand in der Brennblase sein Öl ­abgegeben hat. Mit dem Feuer im Heizkessel wird heißer Dampf erzeugt, der in der Brennblase die Öle – Terpenkohlenwasserstoffe aus den Nadeln, Ästen und Zapfen der Latschen – löst und bindet. Das Dampfölgemisch leitet man in einen Kühlkessel, wo es sich wieder verflüssigt und trennt. Unten sammelt sich das Wasser. Darauf schwimmt das leichtere Öl, das später einfach abgelassen wird. Man muss es anschließend nur noch einmal ­filtern, um Staubpartikel zu entfernen, dann ist das reine Naturprodukt fertig. Der Brennvorgang dauert meist so um die acht Stunden. Aus 300 Kilogramm gehäckselten Zweigen, Latschenkiefernadeln und Zapfen gewinnt man in der Regel einen Liter naturreines Latschenkieferöl.

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Ein Bad in warmen, entölten Latschenhäckseln ist richtig kuschelig und entspannend.
© Ralf Scholze

Latschenkieferbadl

Als es noch keine Traktoren und Fahrwege gab, wurden die Latschenkieferbrenne­reien in den Bergen aufgebaut. Man brauchte einen­ kleinen Wildbach, genug kaltes Wasser, um den Dampf beim Brennen zu kühlen, und genug Platz, um die Latschenkiefernzweige zu sammeln und zu häckseln – damals­ noch in Handarbeit. Zwischen den Latschenkieferfeldern, wo man gerade erntete, und dem Platz, wo man weiter unten­ am Berg die Brennblase aufgebaut hatte, spannte man Drahtseile, an denen man die Pakete aus Latschenzweigen zur Brennerei hinabsausen ließ. Nach getaner Arbeit legten sich die Männer in die noch warmen, entölten Latschen aus den Brennblasen, weil dass das die Verspannungen von der schweren Arbeit löste und die Schmerzen von Verletzungen linderte. Man karrte sogar die Alten und Kranken von den umlie­genden Höfen zur Kur zu den Wanderbrennereien. Nach meist nur knapp zwei Wochen sollen sie in der Lage gewesen sein, auf eigenen Füßen wieder ins Tal zu laufen. 1970 baute Philipps Vater Florian Eschgfeller als erster „Reischner“ seine Brennerei fest unten im Tal auf und schaffte fast täglich das Material hinunter. Um die Tradition des Latschenkieferbadls aufrechtzuerhalten, richtete seine Frau Barbara Eschgfeller neben der Brennerei ein original Sarntaler Latschenkieferbad ein. Nur in ein großes Handtuch gehüllt legt man sich in die warmen Latschen frisch aus dem Brennofen und wird mit warmen ent­ölten Latschenhäckseln zugedeckt. Christiane­ erlebte hier ihr erstes Latschenkieferbad: „Es fühlt sich am Anfang etwas erdrückend an, da die Latschen schwer sind. Doch dann fühlt es sich beruhigend und wärmend an, richtig kuschelig. Das ist Entspannung pur!"

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: wanderlust Nr. 04 / 2016

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