Insel im Urstromtal

Höchst aktiv rumort es im Mosaik aus Wiese, Wald und Wasser rund um den Höhbeck: Frösche quaken um die Wette, Libellen flirren übers Wasser, Reiher staksen, Kraniche- trompeten, Seeadler kreisen. Blauviolett leuchten Sibirische Schwertlilien in der Abendsonne, eine von vielen seltenen Arten hier.

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Urstromtal kurz vorm ­Schlafengehen: Vom Aussichtsturm Schwedenschanze öffnet sich ein weiter Blick über das Elbtal.
© Beate Wand

Text & Fotos: Beate Wand

Zum Urlaub nach Gorleben? Nicht wenige werden zusammenzucken, wenn sie das hören. Auf einem Holzschild heißt die Gemeinde im Nordostzipfel Niedersachsens ihre Gäste willkommen. Dahinter reihen sich akkurat gemähte Rasen entlang der Straße, auf denen rot geklinkerte Einfamilienhäuser stehen. Das Gelände, wo 113 Castoren mit hochradioaktivem Müll lagern, liegt ein Stück abseits im Gartower Forst. Was sich aber in der Elbniederung nordöstlich des durch Anti-Atom-Proteste berühmt gewordenen Gorlebens abspielt, will so gar nicht zu dem Szenario passen, das die meisten mit dem Namen verbinden: Es wimmelt und wuselt überall – Schmetterlinge, Libellen, Heuschrecken, Wiesenvögel, Enten, Schwäne. Viele „Extremisten“, die sich auch von Überschwemmungen und Trockenheit nicht vertreiben lassen. Auenähnlicher Wald, dessen Bäume stark genug sind, die schweren Horste von Seeadler und Schwarzstorch zu tragen.

Von der Brücke über die Seege sehe ich sogar einen Castor. Castor fiber, den Elbebiber. Unter kritischen Blicken einiger Jungschwäne von oben herab schwimmt er durchs Wasser. Die Nasenlöcher in die Höhe gereckt, bahnt er sich den Weg zwischen halbstarken Gefiederten hindurch. Irgendwo am Ufer verschwindet er. Nach dem trockenen Sommer musste er in eine Notunterkunft ziehen. Seine angestammte Burg liegt auf der anderen Seite der Brücke über die Seege. Dort klafft zwischen verkeiltem Geäst ein dunkles Loch: Der Eingang liegt nun oberhalb der Wasseroberfläche, das ist Familie Biber zu unsicher.

Hotspot der Artenvielfalt

Seit der Wende fanden die 170 Jahre lang ausgerotteten Tiere ihren Weg von der Mittleren Elbe bei Dessau, wo einige Exemplare überlebten, zurück in die Niedersächsische Elbtalaue. Etwa einen Kilometer hinter der Biber-burg fließt das Wasser der Seege in den Laascher See. Seine langgestreckte Form deutet darauf hin, dass es sich um einen Altwasserarm der Elbe handelt. Die durchfließende Seege mündet wenig später als einer der wenigen Nebenflüsse ohne Sperrwerk in den Strom. Dadurch flutet Elbhochwasser auch die Untere Seegeniederung, einen der letzten natürlichen Überschwemmungsbereiche der Elbe. Dann kann man sich gut vorstellen, dass der Höhbeck, ein 76 Meter hoher Geestrest aus der vorletzten Eiszeit, einmal ein bedeutender Trittstein war, um irgendwie über den großen wilden Fluss zu kommen.

Der Höhbeck-Elbholz-Weg umrundet diese „Insel“. Dabei durchquert er die teilweise noch naturnahe Flussaue. Überschwemmungsbereiche wechseln mit sandigen Dünenstandorten ab, Feuchtwiesen mit auenähnlichen Wäldern, Stillgewässer mit Trockenrasen. Dass feucht-kühleres atlantisches Klima hier an trockenwärmeres kontinentales Klima grenzt, steigert zusätzlich die Zahl (seltener) Arten. Solch geballte Vielfalt an Lebensräumen beeindruckt Oliver Schuhmacher vom NABU nach gut 15 Jahren Arbeit in der Elbtalaue immer noch. Vor allem staunt er über die krasse Dynamik zwischen Hochwasser und trockenen Phasen und darüber, wie die Natur mit den Katastrophen umgeht, die sich hier abspielen. Etwa dem Jahrhunderthochwasser 2013. Danach, Ende Juni, Anfang Juli, sei alles nur noch braun, abgestorben gewesen, nachdem die Wiesen ein paar Wochen unter Wasser gestanden hatten. „Zu sehen, wie sich relativ schnell vieles wieder entwickelt und was dann wiederkommt, ist schon recht spannend“, findet der Landschaftsökologe.

Raupen-Polonaise

Beim Startpunkt am Parkplatz in Quarnstedt zieht eine Allee -alter Stieleichen oberhalb des Gartower Seeufers ihr drei Kilometer langes Band bis ins Elbholz am Elbdeich. Der schnurgerade Schotterweg verschwindet in einem grünen Schlund. Tiefe Furchen durchziehen die leicht bemoosten Stämme. Kunstvoll recken die Riesen beindicke Äste elegant verzweigt in die Höhe. Doch manche Krone bleibt kahl. An der Aussichtsplattform zu den -Papenhorner Wiesen spaziert eine Raupenpolonaise über das -Geländer. „Vorsicht, bloß nicht berühren!“, rufen uns zwei -Besucher von oben zu. Der Eichenprozessionsspinner macht seinem Namen alle Ehre. Wie ein nicht enden wollender Wurm schieben sich aneinandergereihte Raupen von rechts nach links über die vordere Brüstung – fast übersehen wir das davonhüpfende Reh und die beiden links durch die Wiese stolzierenden Kraniche – und kriecht am Ende auf dem Pfosten nach oben weiter. Faszinierend. Doch nicht ungefährlich: die feinen Brennhaare mit Widerhaken lösen mit ihrem Nesselgift auf unserer Haut oder beim Einatmen allergische Reaktionen und Husten aus. Am Eichenstamm nebenan hängt ein ganzes Gespinst voller Raupen. „Gesunde Eichen kompensieren Kahlfraß durch den Johannistrieb“, erklärt Oliver Schuhmacher, „sie treiben nach der Verpuppung um den 24. Juni erneut aus.“ Älteren und geschwächten Eichen setzt die über zehn Jahre andauernde Invasion gefräßiger Raupen ganz schön zu, was zusammen mit dem hohen Alter der Bäume die abgestorbenen Gerippe in der Allee verursacht.

Doch auch Schädlinge können erwünscht sein. Beispielsweise der Heldbock. „Das ist ein Überbleibsel aus unseren Urwäldern“, erläutert Schuhmacher, der sich für den NABU um sechs Projektgebiete im Elbtal vom Höhbeck stromaufwärts kümmert, „erfolgreich kann er nur alte, geschwächte Eichen befallen.“ Weil diese nur in alten Eichenwäldern zu finden sind, gibt es auch ihn kaum noch. Er hinterlässt daumendicke Fraßgänge. „So Mitte, Ende Juni“, berichtet der Experte, „fast so groß wie ein Hirsch-käfer, fallen sie schon auf. Die Fühler werden noch mal so lang wie der Körper oder noch länger.“

Alte Eichen stehen auch im Elbholz, in das die Eichenallee mündet. Zusammen mit Flatterulmen und Eschen. Allesamt typische Baumarten der bei uns kaum noch vorhandenen Hartholzaue, die ein bis zwei Überschwemmungsphasen im Jahr vertragen. Zwar trennt der Deich den verwunschenen Wald, in dem lange Gräser den Waldboden begrünen und Seeadler brüten, von der Aue. Dennoch beeinflusst Hochwasser in der Elbe das Leben hier und auf den Stromtalwiesen hinterm Deich über sogenanntes Qualmwasser. Es drückt binnendeichs aus dem Boden. Rotbauchunken heften in den entstehenden flachen und fischfreien Tümpeln gern ihre Eier an die Pflanzen. Und hoffen, dass bis zum Landgang ihrer Nachkommen genug Wasser in der Pfütze steht. „Dafür legen sie viele Eier und werden auch ein paar Jahre älter“, sagt Schuhmacher und verrät, welchen Überlebensmechanismus Mutter Natur dieser Art gegen warme und trockene Frühjahre mitgegeben hat. Das Konzert, das schon nachmittags Laub- und Wasserfrösche durch Pevestorfer Wiesen und Seegeniederung schallen lassen, die vielen Libellen, die über allen Wasserflächen mit ihren metallisch schimmernden Körpern aufblinken, lassen Alltagsgedanken irgendwo in der Weite verschwinden.

Insel im Urstromtal

Kurz hinter einer Lichtung mit Häusern stößt der Weg auf den -Elbdeich. Eine Gruppe alter Eichen mit gewaltigen Kronen wurzelt in der Aue. Der Fluss strömt zwischen Wiesen, am anderen Ufer weiter hinten rücken die beiden Türme von Lenzen ins Blickfeld. Vom Plateau des Höhbecks grüßt der 344 Meter hohe, rot-weiße Mast, der zu DDR-Zeiten Nachrichten und Fernsehbilder nach Westberlin funkte. Vor den Hängen des Höhbecks endet der Deich nahe der Fähre. Der Anstieg zur Schwedenschanze gipfelt auf dem Aussichtsturm. Von oben bekommt man ein besseres Gefühl dafür, welch Hindernis das Urstomtal der Elbe früher war. Auf einer Breite von etwa 20 Kilometern bahnten sich viele kleine, immer wieder sich verlagernde Arme und Gerinne ihren Weg. Erst weit hinten am Horizont begrenzen sachte Höhenzüge die platte, breite Rinne, in der ein paar Baumreihen die einzige Struktur in den Dunst zeichnen.

Dass in einem Wirrwarr aus Wasserläufen der Höhbeck als Trittstein über die Flusslandschaft strategisch bedeutsam war, leuchtet ein. Davon erzählt Helga Griese Interessierten auf ihren Wanderungen über den Höhbeck (Termine auf www.kaffeegartenschwedenschanze.de). Neben dem Turm serviert sie auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald Kuchen und äußerst köstliche Kleinigkeiten. Ihre Oma baute das Haus. Sie kam als eine der ersten „Wandervögel“, wie die damalige Siedler-Bewegung genannt wurde, hier auf den Höhbeck: Junge Großstädter, die sich nach einem freizügigeren, selbstbestimmten Landleben sehnten, ihre Kühe melkten und Ziegen hielten. Doch schon viel früher besiedelten Menschen den Höhbeck. Vor 1.200 Jahren trafen hier Slawen, Franken und Sachsen aufeinander. Sie hinterließen Spuren in Form von Ringwällen und – besonders beeindruckend – des gut erforschten Fränkischen Kastells Hohbuoki, nachweislich ein Grenzposten des karolingischen Imperiums unter Karl dem Großen. Nach leichtem Ab und Auf entlang des steilen Hangs steigt der Weg auf zu dem rechteckigen Platz mit guter Aussicht auf den Fluss. Infotafeln und ein Wegweiser zu anderen Machtzentren aus dieser Zeit lassen ein wenig von der einstigen Bedeutung des jetzt so friedlich unter langen Waldgräsern schlummernden Fleckchens erahnen.

Wenige Schritte weiter zeigt der Heidberg mit seinem sandigen Abhang wieder ein ganz anderes Gesicht. Pflanzliche Extremisten trotzen hier Bodentemperaturen von bis zu 50 Grad Celsius – ohne Wasser! „Der Frühlingsspörgel keimt einfach schon im März, samt im April aus und verweilt den Rest des Jahres als Samen im Sand, da ist ihm das egal“, erläutert Schuhmacher dessen Taktik.

Unten am Hang beginnt Vietze. Ein Dorf voller Villen. Schiffervillen. Gewächshäuser mit kunstvoll geschmiedetem Tragwerk und schöne Schuppen stehen in den Gärten, Fahnen wehen an hohen Masten. „Klein Hamburg“ heißt der Ort auch im Volksmund. Nach einem Brand durfte er nicht wieder als Rundling aufgebaut werden. Also wurden die Bewohner Elbschiffer, brauchten keine großen Höfe mehr. Am Elbufer bei dem hölzernen Steuerruder schwärmt eine Bewohnerin: „Schiffers kommen rum, die haben einen weiteren Horizont, das spürt man bis heute.“ 1979 lockten die Eichenalleen sie her, auch die wunderbare Natur beeindruckte. „Aber ohne die Anti-Gorleben-Bewegung wäre ich nie hiergeblieben“, betont die einstige Kölnerin, „der Feind ist die Chance. Das Ganze zieht bis heute einfach mordsgute Leute an. Man vertraut einander, hält zusammen, unternimmt gemeinsam etwas. Wer hier einsam wird, ist selber schuld!“

Den vollständigen Artikel inklusive aller Fotos und Wandertipps finden Sie auch in Ausgabe 2/2019 von wanderlust. Hier können Sie das komplette Magazin nachbestellen.

  • Blick auf das Urstromtal

    Blick auf das UrstromtalUrstromtal kurz vorm ­Schlafengehen: Vom Aussichtsturm Schwedenschanze öffnet sich ein weiter Blick über das Elbtal.Beate Wand

  • Am Elbdeich

    Am Elbdeichwanderlust-Autorin Beate Wand blickt im Spätsommer vom Elbdeich nach Lenzen am anderen Ufer.Beate Wand

  • Bedrohte Bäume

    Bedrohte BäumeEichen in der drei Kilometer langen Elbholzallee.Beate Wand

  • Schöner Blick in die Natur

    Schöner Blick in die NaturAuenblick im Frühsommer: Kugelige Kronen ehrwürdiger Eichen und Weidengruppen tupfen Punkte an die Flusslinie.Beate Wand

  • Im Elbholz

    Im ElbholzGrüner und wilder ­Waldboden bietet viel zum Entdecken. Beate Wand

  • Historisches Haus

    Historisches HausFachwerk­katen auf der Lichtung beim Slawischen Ringwall.Beate Wand

  • Genau hinsehen

    Genau hinsehenEin Paradies für Libellen wie die besonders geschützte Gebänderte Prachtlibelle.Beate Wand

  • Ein bisschen Monet

    Ein bisschen MonetIn der Unteren Seegeniederung gibt es reichlich Wasser.Beate Wand

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