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Vom Todesstreifen zum Wanderparadies

Auf 1.394 Kilometern trennte einst die innerdeutsche Grenze das Land in Ost und West, in Kommunismus und Kapitalismus, in DDR und BRD. 30 Jahre später hat sich der ehemalige Grenzstreifen in ein lebendiges Biotop verwandelt, das das Bundesland Thüringen in den Rang eines Nationalen Naturmonuments erhoben hat – und auf dem es sich prima wandern lässt.

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Panorama pur: Vom Nordturm der Burg Hanstein sieht man weit nach Hessen und Thüringen hinaus.
© Alexa Christ

Text: Alexa Christ

Nichts regt sich. Kein Lüftchen, kein Windhauch. Stattdessen ein Himmel wie aus blauem Samt. Hoch oben auf dem Nordturm der Burg Hanstein, auf -einer Buntsandsteinkuppe des Höhebergs gelegen, entblättert sich ein 360-Grad-Mega-Panorama. Freie Sicht auf Hügelketten, Wald, Streuobstwiesen, Fachwerkdörfer und das schimmernde Band der Werra. Links liegt Hessen, rechts Thüringen. Irgendwo dazwischen: die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. „Erst nach der Wende habe ich zum ersten Mal hier oben gestanden. Zu DDR-Zeiten durften wir Einheimischen nicht auf die Burg, weil sie militärisch genutzt wurde“, erzählt Stefan Sander, Ranger im Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal. Wir befinden uns in der Mitte Deutschlands. Die Burgruine Hanstein steht auf thüringischem Boden. Im 19. Jahrhundert war sie ein beliebtes touristisches Ziel. Die Brüder Grimm besuchten sie. Alexander von Humboldt, Achim von Arnim, Carl Friedrich Gauß, Max Planck, Robert Koch und Heinrich Heine wanderten den steilen Weg vom Weiler Bornhagen hinauf zu den wuchtigen, trutzigen Mauern. Der umtriebige Goethe schaute gleich zweimal vorbei. Ein reges Kommen und Gehen. Doch damit war nach dem Zweiten Weltkrieg Schluss. Während der deutschen Teilung zogen die DDR-Grenzposten auf dem Hanstein ein. Denn es war eine Eins-a-Lage, um verdächtiges Treiben an der Grenze im Auge zu behalten.

Größter Anteil des Grünen Bands in Thüringen

Kein Wunder also, dass wir schon kurz nach Verlassen der Burg auf ein Stück des Kolonnenwegs und damit auf das Grüne Band stoßen. Knapp 1.400 Kilometer ist es lang und führt von der Ostsee bis ins bayerische Hof. Einst teilte es Deutschland brutal in Ost und West. Einen 50 bis 200 Meter breiten Streifen schnitt das SED-Regime entlang des Eisernen Vorhangs in die Natur. Bäume wurden gerodet, Büsche entfernt, Stacheldraht und Selbstschussanlagen hochgezogen. „Man brauchte die Sichtachsen“, erklärt Sander, der einst selbst als Pionier seinen Grundwehrdienst bei den DDR-Grenztruppen leistete. Damals musste er helfen, die Grenzbefestigung auszubauen, etwa die schweren Fahrspurplatten, auf denen mit schlammfarbenen sowjetischen UAZ-Geländewagen patrouilliert wurde. Was für die Menschen zumeist eine persönliche Tragödie darstellte – Familien wurden auseinandergerissen, Menschen enteignet und umgesiedelt, Flüchtende -starben im Todesstreifen – entpuppte sich für die Natur als -Segen. „Weil man hier das Gelände offenhielt, bekamen ganz andere, zum Teil stark bedrohte Arten eine Chance“, sagt Naturführer Markus Horn und zählt auf: „Hier wachsen verschiedenste heimische Orchideen, aber auch Gold- und Silberdistel oder die Türkenbundlilie. Wir zählen 40 Libellenarten, 131 Vogelarten, unzählige Schmetterlinge und Insekten. Das Grüne Band ist das größte Biotopverbundsystem Deutschlands.“ Ein Naturparadies, das dem Land Thüringen, in dem allein 763 Kilometer des Grünen Bands liegen, eine besondere Auszeichnung wert ist: Im Jahr 2018 hat es den ehemaligen Grenzstreifen in den Rang eines Nationalen Naturmonuments erhoben. Rot- und Hainbuchen, die seltene Laubbaumart Elsbeere, Eiben und Eichen wachsen hier. Letztere, so vermutet man, gaben der historischen Kulturlandschaft Eichsfeld, durch die wir hier wandern, den Namen. Eine besonders schöne Aussicht auf dieses Eichsfeld genießen wir vom sogenannten „Minister-Blick“. Von hier oben beschreibt die -Werra eine Schleife, in die sich das hübsche Fachwerkdorf Linde-werra harmonisch einfügt. Der perfekte Ort, um ein paar historische Relikte auszupacken. Einen Passierschein zum vorübergehenden Aufenthalt in der Sperrzone zeigt Stefan Sander, seinen alten Wehrdienstausweis und ein Maßband im Metallbehälter. „Darin steckten die letzten 150 Tage des Grundwehrdienstes. Jeden Tag hat man einen Zentimeter abgeschnitten und so das Ende der Dienstzeit runtergezählt“, erklärt er.

Den vollständigen Artikel inklusive aller Fotos und Wandertipps finden Sie auch in Ausgabe 4/2019 von wanderlust. Hier können Sie das komplette Magazin nachbestellen.

  • Panorama pur

    Panorama purVom Nordturm der Burg Hanstein sieht man weit nach Hessen und Thüringen hinaus.Alexa Christ

  • Burgfräulein

    Burgfräuleinwanderlust-Autorin Alexa Christ am Eingangsportal von Burg Hanstein.Alexa Christ

  • Imposante Burgruine

    Imposante BurgruineBeim Wandern erhascht man immer wieder tolle Aussichten auf Burg Hanstein.Alexa Christ

  • Relikt aus vergangenen Zeiten

    Relikt aus vergangenen ZeitenEin alter DDR-Grenzstein verwittert am Wegesrand.Alexa Christ

  • Geschichte

    GeschichteIm Grenzmuseum Schifflersgrund wird die Realität der ehemaligen Grenze noch einmal lebendig.Alexa Christ

  • Blick von der Teufelkanzel

    Blick von der TeufelkanzelVon der Teufelskanzel hat man einen wunderbaren Blick auf die Werraschleife – für ihre Entstehung ist angeblich der Höllenfürst persönlich verantwortlich.Alexa Christ

  • Passierschein und Ausweis

    Passierschein und AusweisRanger Stefan Sander zeigt seinen ehemaligen Armeeausweis und einen Passierschein, den er für den Aufenthalt im Sperrbezirk einst brauchte.Alexa Christ

  • In der Natur zu Hause

    In der Natur zu HauseRanger Stefan Sander. Alexa Christ

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