Von Rau bis Romantisch

Im Norden des Rheingaus plätschert die Wisper in den Rhein. Von den kühlen, feuchten Taunushöhen strömt nachts Luft durch ihr Tal, der Wisperwind. Frischer Wind, den auch die Wispertrails links und rechts des Flüsschens in den Taunus zwischen Limes und Oberem Mittelrheintal bei Lorch blasen.

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Abstieg nach Lorchhausen. Fast alpin kurvt das Rhein-Wisper-Glück gleich zwischen Fels den Hang hinunter.
© Beate Wand

Text: Beate Wand

Zum (Rhein-Wisper-)Glück lenkt ein Pfosten mit Wegweisern die Aufmerksamkeit auf die Stufen, die im Dickicht über der Weinbergsmauer verschwinden. Wie ein Tor öffnet sich das Gestrüpp, lässt Wandernde durchschlüpfen. Wenig später zickzackt der Premiumweg über einen steilen, locker mit Ginster bewachsenen Hang nach oben. Luftholen und Umgucken lohnt sich: Gegenüber an der anderen Rheinseite schlängelt sich ein Tal mit den Häusern von Ober- und Rheindiebach zwischen tafelartigen Höhen. Über dem Taleingang wacht die Ruine von Burg Fürstenberg. Die erste von fünf, die auf diesem Aushängeschild der 16 Wisper Trails durchs UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal ins Auge fallen.

Am Ende dieses Anstiegs lädt ein achteckiger Pavillon zu einem eigentlich noch viel zu frühen Picknick ein. Der Rhein-Wisper-Blick eröffnet nämlich eine Pracht-Sicht: Milchig kurvt der Rhein hinter der Insel Lorcher Werth, die wie ein riesiger Fisch im Fluss liegt, aus dem Blickfeld. Links rollen Weinberge den Hang runter. Bundesstraße, Bahnlinie und eine Häuserreihe trennen sie vom Wasser. Die Ausläufer von Lorch, einer der ältesten Weinbau-Gemeinden im Rheingau. Manche der rot-weißen Fachwerkfassaden dort sind liebevoll herausgeputzt, von anderen blättert der Putz. Hinter einigen Schaufenstern an der Hauptstraße gähnt dunkle Leere, während das Hotel im Alten Schulhaus für Aufbruch und Wandel spricht. Lorch eignet sich als Einstieg für zwei Wispertrails: Die 9,5 Kilometer lange Runde „In Vino Veritas“ beginnt am Rheinufer. Zum Rhein-Wisper-Glück hinauf führt ein Zubringer. Hinter einer alten Weinpresse erlaubt die Wisper einen kurzen Blick in ihr steingefasstes Bett, bevor der Zuweg weggabelt, an selbstgemachten Marmeladen und dem Weingut Weiler vorüber in einen spannenden Hohlweg übergeht.

Von oben lässt sich der Lauf der Wisper weiterverfolgen: Ihr Tal knickt nach rechts, läuft zwischen den Taunushöhen in die Ferne. Bei Mappersheim rinnt sie im westlichen Hintertaunus auf fast 500 Metern Höhe aus einem unscheinbaren Felsmäuerchen. Knapp dreißig Kilometer nimmt sie ihren Lauf durch den Wispertaunus – ein entlegenes Waldgebiet. Große Teile davon dürfen seit bald drei Jahrzehnten vor sich hinwuchern, ohne dass Motorsägen die natürliche Entwicklung zerschneiden. Zwischen die Kuppen kerben Wisper und zufließende Bäche tiefe Täler. „Hoch und runter. Wilde, spannende Topografie mit steilen Hängen“, begeistert sich Robert Carrera für den Landstrich. Der geborene Sachse mit peruanischen Wurzeln witterte darin vor ein paar Jahren eine Chance. Zwischen Lima und Untertaunus aufgewachsen, lernte er den deutschen Teil seiner Heimat aus dem Sattel seines Mountainbikes kennen. „Es ist alles sehr naturbelassen. Also wenig verbaut, keine Industrie, kein Gewerbe“, schwärmt er, „mal ein Hof, eine Mühle, eine Burg. Ansonsten nur Natur.“ Hauptsächlich Wald. Er lichtet sich allenfalls auf den plateauartigen Höhen, über die sich Dörfer mit ihren Feldern und Wiesen ziehen. „Diese Kombination aus Weitsicht und tiefen Wäldern ist einfach perfekt“, findet Carrera. Und er mag, dass es weniger befestigte Waldwege gibt als anderswo: „Da liegen auch mal Knüppel und Steine quer, es ist matschig.“

Weckruf Wispertrails

Irgendwann bemerkte der Mann aus Welterod am Rande des Wispertaunus, dass die ohnehin schon schwache Infrastruktur immer mehr bröckelte. „Vor meinem touristischen Auge kamen die ersten Ideen auf“, erinnert sich Carrera, der jahrelang individuelle Fernreisen organisierte, „in Lateinamerika entstehen dort, wo es schön ist, von allein gefragte Ziele.“ Im Wispertaunus lief es umgekehrt: Trotz Schönheit schlief alles ein. Als dann noch der Rheinsteig mit dem Prädikat Premiumweg die Massen am Rhein entlang zog, hoffte Carrera, dass sich doch wenigstens ein Teil davon hoch in den Wispertaunus lotsen ließe. Im Austausch mit einem wanderbegeisterten Freund wuchsen die Ideen zum umsetzungsfähigen Konzept der Wispertrails: Seit 2019 durchkämmen beiderseits von Carreras Lieblingsweg, dem 44 Kilometer langen Flussbegleiter Wispertaunussteig, 15 Rundkurse zwischen fünf und knapp 19 Kilometern das Waldgebirge.

Den kompletten Artikel lesen Sie in wanderlust 2/2022. Das Magazin können Sie hier nachbestellen.

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