Wald begeistert

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Unheimliche Beobachter: Durch die Steckeschlääferklamm im Binger Wald wandert niemand allein! Über 70 Baumgeister hausen in Stämmen, Stümpfen und Wurzeln. Holzbildhauerin Ingrid Pietsch und ihre Freundin Heike Steinmeier schnitzen ihnen neues Leben ein.
© Beate Wand

Die grüne Lunge als unbezahlbarer Kraftquell: Runterkommen, Auftanken, Amüsieren und ein bisschen Gruseln. Die Baumgeister-Tour durch den Binger Wald ist ein Premiumwanderweg für die ganze Familie.

Text: Beate Wand

Ein Schreck durchzuckt mich, als ich den bohrenden Blick auf Kniehöhe bemerke. Er schielt. Grinst mich leicht debil an. Tiefe Furchen kerben sich in seine Gesichtshaut, formen daraus ein schuppiges Geflecht. Zwischen den roten Lippen reihen sich leicht angegammelte Zahnstummel auf dem vorgeschobenen Unterkiefer. Bis in die Mundwinkel, wo sich Spinnweben wie Sabberfäden spannen. Ein Lacher entlädt die Anspannung. Wieder so ein Baumgeist! In der Steckeschlääferklamm wimmelt es nur so von ihnen. Über 70 sollen es mittlerweile sein. Zählen scheint aber unmöglich. Unterhalb des Forsthauses Jägerhaus lauern sie entlang des Hasselbachs. Glotzen aus Baumstämmen, starren von Wurzeln, linsen hinter einer wulstigen Verwachsung wie aus einer Kapuze hervor. Auch Affen, Schweine und Frösche verstecken sich, Geister und Gnome mit wallenden Bärten. In den 1970er Jahren schufen die Steckeschlääfer über 15 Holzbrückchen und Stege einen Weg durch die Waldschlucht im Binger Wald, mit dem sich der Hunsrück im Südosten zum Rhein niederlegt.

Steckeschlääfer sind nicht etwa abgetauchte Terrormilizen. Sondern Wanderer aus der Gemeinde Weiler im Landkreis Mainz-Bingen, die ihre Stecke, wie sie zu Stöcken sagen, über den Boden schlääfe, also schleifen. Als sie ihre Stöcke nicht mehr über den Asphalt der Straße ziehen mochten, erschlossen sie die 700 Meter lange Klamm. Jedes Frühjahr säubern sie das Bachbett, befreien den Weg von Totholz, bessern Brücken aus. Mit Heike Steinmeier und Ingried Pietsch dürfen erstmals auch Wanderfreundinnen mithelfen. Die beiden können nämlich schnitzen und geben den Baumgeistern ihr Gesicht. Schon als Kind tobte Ingried Pietsch mit ihrer Schwester ganze Tage durch die Klamm. Ihr Vater nahm sie in den Ferien oft mit, wenn der Forstmeister zu seinem Dienstsitz ins Jägerhaus fuhr. In ihr reifte der Wunsch, etwas mit Holz zu lernen. Nach vier Jahren Schnitzschule im Tiroler Lechtal kehrte sie als Holzbildhauerin heim. „Es war eine total Ehre für mich“, denkt Ingried Pietsch daran zurück, als Franz Kellermeier sie eines Tages fragte, ob sie sein Werk in der Klamm in seinem Sinne weiterführen möge, „weil ich ja mit den Gesichtern in der Klamm aufgewachsen bin.“

Den kompletten Artikel lesen Sie in wanderlust 4/2021. Das Magazin können Sie hier nachbestellen.

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