Wenn aus Meeren Berge werden
Der UNESCO Global Geopark Famenne-Ardenne
Manchmal beginnt eine Reise mit einem Staunen. Zum Beispiel dann, wenn ein Fluss plötzlich verschwindet. Die Lesse verschluckt sich selbst, taucht unter Kalkstein ab und erscheint weiter flussabwärts wieder im Licht. Wälder rauschen über weichen Hügeln, schroffe Felsen säumen stille Täler, und über allem liegt diese sanfte Weite der Ardennen. Wer hier wandert, bewegt sich nicht nur durch eine Landschaft – sondern durch 400 Millionen Jahre Erdgeschichte. Willkommen im ersten UNESCO-Geopark Belgiens. Der UNESCO Global Geopark Famenne-Ardenne erstreckt sich über 915 Quadratkilometer im Süden Belgiens – nur rund eine Autostunde von Brüssel entfernt. Acht charmante Gemeinden – darunter Durbuy, Rochefort und Hotton – bilden gemeinsam eine Region, die zu den faszinierendsten Karstlandschaften Europas zählt. Hier treffen gleich drei geologische Welten aufeinander.
Traumhaft wandern. Hier geht es über eine Brücke über der Lesse.
WBT, David SamynDie Famenne bildet im Norden eine sanfte Schiefermulde, deren weiche Formen einen ruhigen landschaftlichen Auftakt schaffen. Südlich davon erhebt sich die Ardenne als raues Sandsteinplateau mit Höhen von bis zu 560 Metern und markanter, waldreicher Silhouette. Dazwischen liegt die Calestienne – eine schmale Kalksteinterrasse, die mit Höhlen, Dolinen und schroffen Felsabbrüchen das charakteristische Gesicht des Geoparks prägt. Diese Kontraste sind kein Zufall. Vor 419 bis 359 Millionen Jahren lag hier ein tropisches Meer. Sand, Kalk und Ton lagerten sich ab, wurden gefaltet, gehoben, abgeschliffen und formten das Relief, das Wanderer heute begeistert.
WO WASSER WUNDER WIRKT
Das Herzstück des Geoparks ist sein Karst. Wasser hat über Jahrmillionen den Kalkstein gelöst, zahlreiche Höhlen geformt, Schluchten geschaffen. Flüsse wie Lesse, Lomme und Ourthe verschwinden im Untergrund, bilden Trockentäler und spektakuläre Felslandschaften. Zu den Höhepunkten zählen die Grotten von Han, die als eine der eindrucksvollsten Tropfsteinhöhlen Europas gelten, ebenso wie die Höhlen von Rochefort und die Unterwelt von Hotton, welche die Besucher tief in das verzweigte System unterirdischer Galerien führen. Die Grotten von Han sind sogar die einzige Naturstätte Belgiens mit drei Sternen im Michelin-Führer – ein echter Ritterschlag für eine Landschaft, die sich unter Tage erleben lässt. Doch auch oberirdisch ist das Schauspiel äußerst eindrucksvoll: hier ragen Kalkfelsen aus Wäldern, Wacholderheiden duften in der Sonne, artenreiche Kalkrasen leuchten im Frühsommer.
Durbuy wird auch „Kleinste Stadt der Welt“ genannt. Am Rand erhebt sich der Homalius-Felsen, auch Antiklinale bezeichnet.
WBT - JP RemyGENUSSWANDERN ZWISCHEN FELSEN UND FACHWERK
Für Genusswanderer ist der Geopark ein Geschenk. Die Wege hier sind abwechslungsreich, die Höhenunterschiede moderat, die Panoramen weit. Immer wieder öffnen sich Ausblicke über bewaldete Hügel und Flusstäler. Ein ganz besonders stimmungsvoller Ausgangspunkt für Wanderungen ist Durbuy, das sich selbstbewusst „kleinste Stadt der Welt“ nennt. Kopfsteinpflaster, Natursteinfassaden sowie kleine Cafés und feine Restaurants machen diesen Ort zu einem idealen Start- oder Endpunkt einer Wanderung. Auch rund um Rochefort verbinden sich Natur und Kultur auf besondere Weise – nicht zuletzt dank des berühmten Trappistenbiers, das hier mit Wasser aus der Quelle Tridaine gebraut wird. Geologie zum Genießen, gewissermaßen.
75 GEOSTÄTTEN UND UNZÄHLIGE GESCHICHTEN
Im gesamten Geopark verteilen sich 75 ausgewiesene Geostätten. Manche beeindrucken durch dramatische Felsformationen, andere erzählen leise von fossilen Meereswelten oder von der Kraft tektonischer Bewegungen. Wanderer können diese Orte auf eigene Faust erkunden oder an geführten Geowanderungen teilnehmen. Thematische Spaziergänge verbinden Erdgeschichte mit spannender Archäologie, Botanik oder regionaler Baukultur. Denn die Geologie prägt hier merklich alles: die Böden, die Vegetation, die Architektur – und sogar den Geschmack.
Das Schloss Lavaux-Sainte-Anne. Dieses liegt in der Gemeinde Rochefort und beherbergt drei Museen.
Geopark Famenne-ArdenneNATUR, LANDWIRTSCHAFT UND LEBENSKUNST
Ganze 52 Prozent der Fläche werden landwirtschaftlich genutzt. Weiden und Felder schmiegen sich idyllisch an Waldränder, kleine Dörfer bewahren römische Spuren und jahrhundertealte Steinarchitektur. Die Region lebt vom respektvollen Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur. Das spüren und genießen Wanderer vor Ort. Über 130 Partnerbetriebe – von Restaurants über Unterkünfte bis zu Produzenten – engagieren sich als Botschafter des Geoparks für nachhaltige Entwicklung. Auch aus den Herausforderungen der jüngeren Vergangenheit – wie den Überschwemmungen 2021 – zieht die Region Lehren. Mit dem europäischen Projekt „ResiliAge“ werden Instrumente entwickelt, um Gemeinden widerstandsfähiger gegen Naturereignisse zu machen. Der UNESCO Global Geopark Famenne-Ardenne ist mehr als ein Reiseziel. Er ist eine Einladung langsamer zu gehen, genauer hinzusehen. Und sich von einer Landschaft erzählen zu lassen, wie aus Meeren Berge wurden. Wer hier wandert, entdeckt nicht nur 75 Geostätten – sondern ein Stück Erdgeschichte unter den eigenen Füßen.
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Das Trappistenbier Rochefort wird mit Wasser aus der Quelle Tridaine gebraut.
WBT - Denis ErroyauxWissen & Entdecken
Was ist ein Geopark?
Ein UNESCO-Geopark ist mehr als ein schönes Landschaftslabel. Weltweit gibt es derzeit 229 dieser Gebiete. Sie zeichnen Regionen aus, deren geologisches Erbe von internationaler Bedeutung ist – und die nachhaltige Entwicklung aktiv fördern. Neben Weltkulturerbe und Biosphärenreservat ist der Geopark eines der drei offiziellen UNESCO-Programme – und zugleich das am schnellsten wachsende.
Im Mittelpunkt stehen:
• Schutz und Vermittlung geologischer Besonderheiten
• nachhaltiger Tourismus
• regionale Wertschöpfung
• Umweltbildung
• Orientierung an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen
Neben einem dichten Netz an Wanderwegen bietet „Famenne à Vélo“ rund 350 Kilometer Radstrecken durch die Provinzen Namur und belgisch Luxemburg. Wer mag, kombiniert gemütliche Flusstouren mit kurzen Abstechern zu Höhlen, Aussichtspunkten oder Schlössern. Ob stille Waldpfade, spektakuläre Felskulissen oder weite Hochflächen – hier findet jeder sein persönliches Tempo. Kostenlose Besucher-Karten zu geologischen Highlights und touristischem Erbe stehen online zur Verfügung.
ALLGEMEIN ZUM REISEN UND WANDERN IN DER WALLONIE