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Wandern im Rheingau zwischen Weindurst und Weinwissen

Streckenwege wie Rheinsteig und Rheingauer Klostersteig streifen schon lange durch den schmalen Landstrich am Rhein, in dem sich einfach alles um Wein dreht. Nun ziehen 14 Rundwege Kreise: Riesling Schleifen – locker und leicht stillen sie Wissensdurst und Weingelüste.
Blick auf Weinfeld von Oben.
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Daniel Elke

Knallrot leuchtet die Vespa am Wegesrand. Nicht weit davon raschelt es. Ein Strohhut schiebt sich zwischen grünen Weinblättern voran. Der Träger richtet sich auf, muss seinen Rücken mal durchstrecken. Er steckt in einem luftigen Achselhemd aus Funktionsstoff, das ebenso blau strahlt wie der Himmel an diesem Tag. „Die Triebe am Stock, wo keine Traube dranhänge, brischt ma weg“, erklärt der Mann im weichen Singsang, wie er typisch für den Rheingau ist, „damit die Traube, die komme werde, luftischer am Stock hänge. Sie trockne dann schneller.“ 

Der Winzer bricht die sogenannten Wasserschosse frühzeitig aus, noch vor der Blüte. Obwohl die zwittrige Pflanze nicht auf Bestäuber angewiesen ist, verströmt sie angenehmes Odeur. „Wein blüht auch nachts. Wenn es dann warm ist, riescht es im Weinberg fruchtigblütig. Ein sehr schöner Duft“, schwärmt Klaus Molitor. Er wohnt nicht weit vom Hallgartener Hendelberg auf seinem Weingut. Riesling hat der Winzer vor drei Jahren auf seine neue Lage gepflanzt, dieses Jahr trägt er zum ersten Mal Früchte. Sie liegt an der schönsten Aussicht auf der Hallgarter Sonnenrunde, einer von 14 neuen Riesling Schleifen. 

Alte Weinfässer in grünen Weinbergen
© Daniel Elke

Perfekte Südlage am Rhein 

Sie drehen ihre gemütlichen, vier bis knapp neun Kilometer langen Runden um die Weinorte des Anbaugebiets für Qualitätswein. Der Rheingau zieht einen schmalen Streifen entlang des Rheins. Vom Main, wo sich drei Riesling Schleifen in den Weinbergen reihen, die den Großstadtdschungel der Frankfurter Metropolregion unterbrechen. Die Weinhügel am Abhang profitieren vom Knick im Strom: Hinter Wiesbaden zwingt das knallharte Rheingau-Gebirge, äußerster Vorposten des Hohen Taunus, den Fluss ins Knie. Er fließt westwärts, biegt erst bei Rüdesheim wieder nach Norden. So neigen sich die rechten Uferhänge nach Süden – pralle Sonne, perfekt für den langsam reifenden Riesling. 

Bis ins Welterbe Oberes Mittelrheintal, in dem sich der Fluss hinter der Talpforte von Bingen durchs Rheinische Schiefergebirge quetscht, wo auf den Riesling Schleifen von Assmannshausen und Lorch die Hänge fast alpin werden, das Gegenufer zum Greifen nah rückt. „Da kann man wunderbar den Schiffe von obe aufs Deck gucke“, freut sich Klaus Molitor jedes Mal, wenn er an Rüdesheimer Schlossberg und Assmannshäuser Höllenberg Reben schneidet, biegt und bindet.  

Blick von Oben auf die Landschaft im Rheingau
© Daniel Elke

Weltberühmter Spätburgunder aus dem Rheingau 

Dass er schuftet, während andere gemütlich vorbeiwandern, stört ihn nicht. Im Gegenteil: Er plauscht gern mal, zeigt Zusammenhänge auf: Klee unter den Reben düngt und lockert den Boden, Wasser kann tiefer einsickern. Super. Leider auch für Mäuse, die wiederum die Wildschweine anlocken. 

Am Assmannshäuser Höllenberg liest er Spätburgunder, damit hat die Lage Weltruf erlangt. So wie dort begegnet jede Riesling Schleife einer anderen Facette zum Thema Wein, die ebenso vielfältig ist wie die Geschmacksnuancen, die Rheingauer Winzerinnen und Winzer aus der Hauptrebsorte Riesling hervorkitzeln. Weil er seine Wurzeln so tief in die steinigen Hänge schieben, ihnen verschiedenste Mineralien abzwacken kann. So widmet sich die Kiedricher Schleife dem Terroir, offenbart, dass nur handverlesene Trauben von klassifizierten Lagen zu großen Gewächsen fruchten. 

Blick ins Rheingau zwischen grünen Blättern hindurch
© Daniel Elke

Wechselspiel der Natur für besondere Rebenqualität 

Über die Rebzeilen der Hallgarter Sonnenrunde fällt ein leichter Wind. Während die Sonne das erste Mal im Jahr so richtig knallt, kühlt er die Haut, trägt würzige Frische vom Waldrand heran, der weiter oben die Weinberge säumt. Klaus Molitor erzählt, wie der Talwind von der Hallgarter Zange, der markanten Erhebung 500 Meter über dem Rheintal, herunterzieht, wenn abends die Sonne auf seiner Terrasse verschwindet. 

Der Rhein, der die Wärme bringt, und der Taunus, der kühlt, gleichzeitig vor Sturm und Unwetter schützt: Beide ergänzen sich perfekt. Ihr Wechselspiel begünstigt ein „Cool Climate“, bei dem tagsüber die Trauben reifen, während kühle Nächte Säure, Fruchtaromen und Frische bewahren. Katja Föhr wohnt am oberen Ortsrand von Hallgarten. Sie hat erlebt, dass es vorn auf der Straße regnete, während es hinter ihrem Haus trocken blieb. „Das Wetter ist hier manchmal sehr speziell. Mittlerweile regnet es jedoch fast zu wenig“, sagt die Studentin, die jedes Mal in eine andere Rolle schlüpft, wenn sie ihre Krone als Weinkönigin aufsetzt. 

Wanderschild zu den Rheingau-Schleifen
© Daniel Elke

König Zufall entdeckt die Spätlese 

Sie träumte immer schon davon, eines Tages in die Fußstapfen ihrer Oma zu treten. Im vergangenen Herbst war es dann so weit: Vor einer Jury glänzte die Hallgartener Weinmajestät redegewandt mit ihrem Weinwissen. Seither macht sie als 71. Rheingauer Weinkönigin Menschen von anderswo ihre Heimat schmackhaft. Empfiehlt, zu einem Riesling unbedingt mal eine Brezel mit Spundekäs zu probieren. Erzählt mit unaufdringlichem Lächeln Geschichten. Wie die vom Spätlesereiter: Zu Zeiten, als der Fürstabt in Fulda zunächst erlauben musste, mit der Weinlese zu beginnen, verspätete sich der Bote in einem Jahr. Die Trauben hingen schon etwas faul an den Stöcken. Die Mönche auf dem Johannisberg lasen sie trotzdem. Der Kellermeister erkannte, wie gut diese späte Lese war. „So hat man zufällig die Spätlese entdeckt, Ausgangspunkt für noch höhere Qualitätsstufen wie Beerenauslese und Trockenbeerenauslese“, erklärt Katja Föhr. 

Sie mag, dass hier jeder jeden kennt: „Der Rheingau ist wie ein großes Dorf. Trotzdem ist man schnell in Wiesbaden und Frankfurt. Alle haben Bezug zum Wein. Auch in Klöstern, Geschichte und Kultur, überall ist der Wein tief verwurzelt.“ An Hallgarten liebt sie den Blick von oben herab: „Da hat man den ganzen Rheingau unter sich, blickt über Weinberge und Rhein bis nach Mainz und Rheinhessen.“ Und natürlich das Winzerfest. „Das hat in Hallgarten lange Tradition“, sagt sie. Als Kind hat sie dort Freunde getroffen und auf der Bühne getanzt, als örtliche Weinmajestät das Vergnügen eröffnet. 

Rheingau Landschaft
© Daniel Elke

Gut geplante Wanderwege 

Die Rheingauer Weinkönigin hat sich besonders gefreut, die neuen Riesling Schleifen mit einer Wanderung vor der eigenen Haustür zu eröffnen. So wie die knalligen Blumen auf ihrem luftigen Kleid vom Sommer erzählen, so wandert sich diese Runde: mit beschwingter Leichtigkeit. Katja Föhr staunt, dass es fast genau der Weg ist, den sie früher immer liefen, wenn sie durch die Weinberge streunten. „Die Grunder Kapelle hieß bei uns Hallo-Kapelle“, sagt sie, „da haben wir immer reingerufen, dann kam das Echo zurück.“ Kinder zieht es eben dahin, wo es spannend ist und Spaß macht. 

Die Planenden haben darauf geachtet, abwechslungsreich durch die Weinberge zu lenken. Asphalt lässt sich hier zwar nicht vollständig vermeiden, doch möglichst treten die Wanderschuhe über kurvige Wege aus kiesigem Schotter, stellenweise wuchert sogar Gras über erdigen Fahrspuren. Zwischendurch spenden Gebüsche und kleine Waldflecken Schatten. Etwa am Jüdischen Friedhof, auf dem sich schon seit über 350 Jahren Gräberplatten unter alten Eichen und Ahornen über den Hang streuen. Dort beginnt der mit gut hundert Höhenmetern längste, aber immer noch moderate Anstieg bis in den Wald, wo die Sonnenrunde auf den Rheinsteig trifft. 

Nahaufnahme von Weinplantage
© Daniel Elke

Weinwandern mit Revoluzzern 

Neben Wissenshäppchen und abwechslungsreichen Wegen sorgt aber erst die wichtigste Zutat für herrliche Riesling Schleifen: der Wein. Unterwegs bringen Weingüter, Winzervereine, Weinbergshäuschen die Aromen der Trauben an den Gaumen. Nicht zu vergessen das typisch Rheingauer Kulturgut: Weinprobierstände. In fast jedem Weinort präsentieren ansässige Weinmacher unter freiem Himmel ihr Werk. Damit erfinden die Riesling Schleifen sozusagen eine neue, äußerst launige Wanderdisziplin: die bewegte Weinprobe. 

„Revoluzzer“ steht in roten Lettern auf dem Glas, über dem Wappen des Weinguts Bibo Runge. Zartrosa perlt der „Provokateur“, wenn er auf den Kelchboden trifft. Dafür musste ich mir viel Kritik anhören“, sagt der frühere Top-Manager. Nach einem Vierteljahrhundert Vollgas in der Wirtschaft fing er neu an: Studierte Weinbau und Önologie, schaute Spitzenwinzern über die Schulter. Handverlesene Rieslingtrauben, in der Flasche vergoren zum Winzersekt, den am Ende ein Schuss Rotwein verfeinert. „Das machen die in der Champagne schon lange“, war sich der Quereinsteiger seines neuen Bestsellers sicher. 

Rheingau Landschaft
© Daniel Elke

Nachhaltiger Weinbau mit historischem Vorbild 

Selbst sieht er sich auch ein bisschen als Revoluzzer in der Branche. Engagiert er sich doch gerade mit anderen Winzern im Bereich eines Mehrwegsystems. Nachhaltigkeit ist für ihn das große Thema unserer Zeit, den eigenen CO2-Fußabdruck hält er so gering wie möglich. Dazu passt, dass sie ausschließlich mit der Hand lesen. Sie maischen lange ein, pressen mit der Korbpresse sanft aus, vergären ohne Zugabe von Hefen, bauen den Wein noch im Holzfass aus. „Wie damals, zu Zeiten Adam von Itzsteins“, sagt Bonsels und spielt damit auf den ursprünglichen Revoluzzer hier an, der ihn so inspiriert. 

Für diesen war es – lange vor der Riesling Schleife – wichtig, dass sich notfalls alle schnell in den Weinbergen verstreuen und untertauchen konnten. Dazu baute er dieses ursprünglich als Trommlerhäuschen bekannte Gästehaus auf den äußersten Zipfel seines Anwesens. Alle, das waren die Mitglieder des „Hallgartenkreises“, einer der Keimzellen der Frankfurter Nationalversammlung: Schriftsteller, Dichter und Publizisten, Ärzte und Juristen. Sie versammelten sich auf Itzsteins Weingut. Dort debattierten sie, erprobten demokratische Entscheidungsprozesse. Darunter waren Größen wie Hoffmann von Fallersleben, der die deutsche Nationalhymne textete. Robert Blum, Heinrich von Gagern und andere erhoben wie Itzstein 1848 im Paulskirchen Parlament ihre Stimme. 

„Zwar hatten diese Revoluzzer durchaus verschiedene Ziele und Ideale, doch drei große Themen einten sie: für Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit zu streiten“, sagt Bonsels, „was wir heute als völlig normal empfinden, war damals verboten“. Vor seinem Tod verbrannte Itzstein all seine Briefe und Niederschriften, um niemanden zu gefährden. Doch sein Grabstein steht noch auf dem Friedhof, dem Startpunkt der Hallgarter Sonnenrunde. 

wandern

VOM MAIN BIS ZUR WISPER 

Insgesamt drehen seit diesem Jahr 14 Riesling Schleifen ihre entspannten, vier bis neun Kilometer langen Runden durch Rheingauer Rebenlandschaft. Sie verbinden Weitsichten über die schwingende Kulturlandschaft am Rhein mit Weinprobierständen, Gutsschänken und Straußwirtschaften. Dabei widmen sie sich jeweils einem Weinthema, von der Artenvielfalt unterm Rebstock über die Nomenklatur bis zum Terroir. Im urban geprägten Süden reihen sich am Main die Riesling Schleifen von Flörsheim (7 km), Hochheim (7,8 km) und Kostheim (8,9 km) mit Aussichten auf Frankfurts Skyline aneinander. Um Eltville gruppieren sich – gegen den Uhrzeigersinn – die Schleifen von Walluf (6,9 km) direkt am Rhein, etwas höher gelegen Martinsthal (7,9 km), Rauenthal (6,3 km) und Kiedrich (4,6 km), sowie in Rheinnähe die zwischen Erbach und Hattenheim (8,6 km). Die Hallgartener Runde (7,3 km) läuft wieder etwas höher am Waldrand, die Winkeler (7 km) startet in Rheinnähe und liegt dicht an der Johannisberger (7,5 km). Die Geisenheimer (7 km) greift auf, warum die Weinrebe, immerhin „Heilpflanze des Jahres 2023“, gut für die Gesundheit ist. In Assmannshausen (6,4 km) verengt sich das Rheintal schon deutlich, die Hänge werden steiler und am weltberühmten Assmannshäuser Höllenberg sieht man rot: Spätburgunder! Die westlichste Riesling Schleife kreist in Lorch (7 km) über Lorcher Schiefer durchs Welterbe Oberes Mittelrheintal. 

wissen

IHRE HOHEIT

Das Wein-Feudalwesen ist im Rheingau sehr ausgeprägt. Nicht nur, dass auf Rheingauer Ebene drei Weinmajestäten grüßen. Hinzu kommen 20 Ortsweinmajestäten, die zuweilen aus einem Dreigestirn Königin mit zwei Prinzessinnen bestehen. 

RIESLING 

Im Rheingau stockt auf knapp achtzig Prozent der Anbaufläche Riesling. Bis zu zwanzig Meter tief schiebt er seine Wurzeln in die steinigen Hänge, nimmt diverse Mineralien auf, die verschiedenste Aromen von zitrusartig bis honigsüß hervorkitzeln. Er verträgt die pralle Sommersonne bis in den Herbst und hält winterlichen Frost aus. Der Riesling hat trotz Klimawandel im Rheingau noch lange eine Zukunft. 

probieren

UNTER FREIEM HIMMEL 

Fast jeder Ort hat einen: Weinprobierstände zählen zum Kulturgut im Rheingau. Wöchentlich wechseln die Winzer, die in Holzbuden direkt am Rhein, an tollen Aussichten wie der Bubenhäuser Höhe und auf Weingütern ihre Tropfen ausschenken. An Tischen und Bänken davor kommen Einheimische wie Gäste schnell miteinander ins Gespräch: rheingau.com/weinprobierstaende 

BEIM WINZER 

Neues entdecken vor dem Weinkauf, oder einfach so mal kosten, während der Winzer dabei von seinen Ideen, Idealen und Zielen erzählt: Das geht in den Vinotheken, die hinter Klostermauern, auf altehrwürdigen Weingütern oder in modernem Ambiente Flaschen aufschrauben: rheingau.com/vinotheken 

Auch Straußwirtschaften findet man im Rheingau. Mancher Winzer hat sie zu einem Gasthaus ausgebaut, andere sind ursprünglicher. Traditionell kommt dort Spundekäs (gewürzter Frischkäse) oder Handkäs mit Musik (Harzer mit Essig, Wein und Zwiebeln) auf den Tisch: rheingau.com/strausswirtschaften 

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