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Zurück in die Urzeit

Werden die Tage kürzer und kälter, bietet sich die Kombi aus Wandern und Kultur an. Etwa im Neandertal. Wo sich der Gang durch die Urzeit vor den gletschergrünen Museumswänden im Eiszeitlichen Wildgehege fortsetzt.
Eiszeitliches Wildgehege im Neandertal.
©

Beate Wand

Ein Kaninchen huscht unter dem Baumstamm hervor, der auf der Wiese liegt. Stellt sich auf seine Hinterpfoten, schnuppert an einer Wiesenblume. In aller Seelenruhe. Dabei trottet ein wahrer Koloss am anderen Ende des Baumstamms durchs Gras: Sein Widerrist buckelt bedrohlich auf. Braunes, wolliges Fell – im jahreszeitlichen Wechsel lässt es das Tier etwas gerupft aussehen – hängt in langen Strähnen unter dem Kinn. Über den Ohren krümmen sich Hörner. Der Brocken lässt sich nieder. Eine betagte Wisentdame. Ihre knopfigen, dunklen Augen blicken warm, fast etwas schüchtern drein, der bullige Körper sinkt zwischen die langen Halme. Eine Szene wie aus längst vergangenen Tagen, aus der Urzeit.

Wisente streiften schon durch diese Gegend, als sich noch eiszeitliche Steppe von den niederbergischen Hochflächen zum Rhein hinunterzog. Vor rund 40 000 Jahren stellten ihnen barfüßige Menschen nach: mit kurzen, kräftigen Beinen und gedrungenem Körperbau, eine Wulst wölbt sich über den Augen, die Stirn flieht nach hinten. Frühmenschen, Neandertaler. Den weltweit ersten fand man ganz in der Nähe. In einer Höhle, die es heute nicht mehr gibt.

Tiere wie aus der Urzeit

Vom Zaun des Geheges senkt sich die Wisentweide in ein Bachtal. Einzelne Büsche markieren den Zickzacklauf, im Hintergrund staffieren sich bewaldete Hügel. Über Treppenstufen steigt der gut einstündige Rundweg ab, taucht unter dichtes Blätterdach. Buchen, Erlen und Eschen schieben ihre Wurzeln bis an die Düssel, spenden Schatten für besonders geschützte Arten wie den Feuersalamander. Das Flüsschen plätschert munter vor sich hin, kurvt naturnah durch erdig-sandigen Grund. Noch vor der Lüneburger Heide und dem Siebengebirge stellte der Freistaat Preußen das Neandertal 1921 unter Naturschutz.

Mittendrin liegt das Eiszeitliche Wildgehege. Darin soll sich Urgeschichte lebendig fortsetzen. Direkt vor den gletschergrünen Wänden des Neanderthalmuseums, das eine Nachbildung des Knochenfunds präsentiert und vier Millionen Jahre Menschwerdung begreifbar macht. Der Wisent oder auch Europäische Bison hat es so gerade eben in die heutige Zeit geschafft. Auerochse, Stammvater unserer Hausrinder, und Tarpan, das Europäische Wildpferd, hingegen nicht. Sie sind längst ausgestorben. Das helle Fohlen „Mückchen“ trabt noch unbeholfen neben ihrer mausgrauen Mama über die Wiese im Düsseltal. Erst vor ein paar Stunden erblickte sie das Licht der Welt. Diese Heckpferde wurden so gezüchtet, dass sie ihren wilden, ausgestorbenen Artgenossen möglichst ähnlich sehen. Wie auch die Heckrinder.

Solche „Auerochsen“ grasen ein Stückchen weiter. Ausladend winden sich die Hörner erst nach außen, an der Spitze dann nach hinten. Ihr Fell changiert von dunklem Braun zu Schwarz. Über den Rücken zieht sich ein heller Aalstrich. Ein Kälbchen saugt gierig an der Flasche. Hanna Walter reicht sie ihm durch ein Gitter, damit es möglichst bei der Herde bleibt. „Momentan ist das ja niedlich, aber wenn es größer wird, würde zu viel Nähe problematisch“, sagt die Hegemeisterin, die sich gemeinsam mit drei anderen um die Tiere kümmert.

Dabei kommen die geländegängigen, robusten und kälteunempfindlichen Tiere weitgehend allein klar. Fehlt eines, müssen Walter und Co. suchen. „Meist eine Kuh, die sich zum Kalben zurückzieht“, sagt die Hegemeisterin, „sie legen das Kalb irgendwo in den Wald, füttern es dort zwei Wochen lang“. Dass sie zur Flasche greifen muss, ist die Ausnahme. In ein paar Wochen wird sie das Milchpulver immer mehr verdünnen und abstillen.

Heckrind an einem Gewässer im Eiszeitlichen Wildgehege.
© Beate Wand

Ein menschliches Fossil

Nur etwa zehn Minuten sind es zu Fuß bis zum Museum. „Hier am Eisrand gab es wahrscheinlich wenig Pflanzliches. Also mussten die Neandertaler den Herden hinterherziehen, um an Nahrung und Kleidung zu kommen“, zeigt Beate Schneider drinnen auf, wie wichtig die Tiere zum Überleben waren. „Da sind Höhlen unpraktisch. Wir denken heute eher, dass die Verstorbenen dort bestattet wurden.“ In einer angedeuteten Felsnische beugt sich die Ethnologin über eine Vitrine. Bräunliche Knochen formen ein Teilskelett: Starke Oberschenkel, Elle und Speiche, Fragmente von Rippenbögen. Beim Schädel steht die Partie über den Augen wie ein kurzer Schirm ab. „Diese Wülste, die sind richtig verknöchert, das sieht man schön“, sagt Schneider, „ein typisches Merkmal“.

Durch ein grünes Portal dringt man im Neanderthalmuseum in „das Tal und sein Geheimnis“ vor. Ein schmaler Gang steht für die ursprünglich schluchtartige Enge, die seinerzeit Joachim Neander in den Bann zog. Fünf Jahre seines kurzen Lebens im 17. Jahrhundert verbringt der Theologe in Düsseldorf. Oft wandert er ins „Gesteins“. So heißt damals die Stelle zwölf Kilometer östlich der Stadt, wo sich die Düssel tief in den Riffkalk fräste. Der Laubach-Wasserfall schäumt aus einem Seitental, zwanzig Meter höher öffnen sich auf einem begehbaren Felsband Höhlen und Grotten. Wie auch Klippen und Felsnadeln trugen sie Namen: Engelskammer, Predigtstuhl, Leuchtenburg, Rabenstein.

Die Szenerie inspiriert Neander zu hymnischen Kirchenliedern wie „Lobe den Herren“. Unter dem Felsüberhang der Feldhofer Grotte, dem künftigen Fundort des Neandertalers, hält er Gottesdienste. 150 Jahre später entdecken Malerschüler von der Düsseldorfer Kunstakademie das Gesteins für sich. Sie machen Ausflüge dorthin. Um zu malen und zu feiern. Auf einem Karren schieben die Studenten sogar ein Fässchen Wein in die geräumige Neandershöhle, wie die Leuchtenburg inzwischen heißt. Nach weiteren Jahrzehnten, in denen der Kalkabbau die Klamm geweitet hat, sprechen alle nur noch vom Neanderthal.

Klopfen und Hämmern kündigt im engen Museumsgang den Beginn der Industrialisierung an. Arbeiter sprengen Steinbrüche in den Fels, in denen sie Kalk abschlagen. 1856 schippen zwei Italiener Lehm aus der Feldhofer Grotte, damit möglichst nur Kalk zurückbleibt. Was sie nicht bemerken: Sie schaufeln Knochen mit heraus, schmeißen ein ganzes Skelett in die Tiefe. Dem Eigentümer des Steinbruchs fällt der sonderbare Schädel mit dem Wulst über den Augen auf, und er zeigt ihn dem Elberfelder Lehrer und Naturforscher Johann Carl Fuhlrott.

Dieser vermutet richtig: ein eiszeitliches Wesen. Drei Jahre bevor Darwin seine Evolutionstheorie veröffentlicht. „Eine Zeit, in der Evolution als Gedanke etwas völlig Neues ist und der Mensch bei dieser Idee auf keinen Fall eingeschlossen ist“, ordnet Beate Schneider ein, „die Kirche fürchtete die Konkurrenz zur Adam-und-Eva-Geschichte“. So dauert es ein paar Jahre, bis ein irischer Geologe unseren ausgestorbenen Verwandten nach seinem ersten Fundort benennt: Homo neanderthalensis.

Neandertal 1, wie Wissenschaftler den geschätzt 40-Jährigen aus der Feldhofer Grotte tauften, war weltweit der Erste, den man als Frühmenschen erkannte. „Er ist jetzt überhaupt nicht mehr der Älteste mit seinen 40 000, aber alle dieser Art, ob 30 000 oder 300 000 Jahre alt, sind nun nach diesem Ort benannt“, erklärt die Museumspädagogin, wieso das heute so unscheinbare Tal zwischen Erkrath und Mettmann weltberühmt wurde.

Heckpferde auf einer grünen Wiese im Eiszeitlichen Wildgehege.
© Beate Wand

Am Fundort

Hinter dem engen Gang im Museum beflügeln Motive der Maler von damals die Fantasie. Anstelle von Wasser rauscht heute nur noch der Verkehr einer Bundesstraße, vom wildromantischen Schlucht-Idyll blieb nur ein Felsrumpf: der Rabenstein. Von Efeu umrankt und mit Gedenktafel. Dort beginnt ein 200 Meter langer Raum-Zeit-Strahl aus Steinplatten. Er führt durch 2,5 Millionen Jahre Gattung Homo, markiert Meilensteine wie die erste Feuernutzung.

Rot-weiße Stäbe markieren die Stelle, wo Archäologen vor zwei Jahrzehnten weitere Knochen aufspürten. Etwa ein Jochbein, das sich exakt an die Schädelkalotte von Neandertal 1 fügt. Neben dem Fundort bedacht ein goldglänzender Riesenschädel den neuen Erlebnisturm Höhlenblick. Treppen und eine barrierefreie Rampe steigen auf die Höhe, in der sich einst die Feldhofer Grotte befand. Dort liegen die Gebeine wie in einem Grab. Ein QR-Code öffnet ein Rundum-Bild der Begräbnisszene.

Nein, es sind nicht die Wisente im Eiszeitlichen Wildgehege, die beim Blick durch das Fernrohr zu sehen sind. Mehrere Neandertaler kreisen einen Bison in karger Felslandschaft ein, einer jagt ihm seinen Speer zwischen die Rippen, Blut fließt. Moderne Technik haucht dem verschwundenen Ort neues Leben ein, weckt eine Vorstellung vom Alltag unserer Vorfahren. Schließlich schlummern im Erbgut der meisten von uns noch zwei, drei Prozent Neandertaler.

Wisent im Eiszeitlichen Wildgehege.
© Beate Wand

wandern

Kurzgang

Auf gut 4 km umrundet ein Weg teils steil und stufig das Eiszeitliche Wildgehege. Kürzer ist der barrierefreie Talweg an der Düssel. Ihn säumen Werke des Kunstwegs MenschenSpuren (Audioguide/Führungen im Neanderthal-Museum).

Mittelweg

22 Rundwanderwege zweigen als Entdeckerschleifen vom neanderland STEIG ab. Zwischen 2 und 19 km lang, eignen sie sich für Halbtages- und Tagestouren. Drei davon berühren das Eiszeitliche Wildgehege: neanderland.de

Am historischen Mettmanner Bahnhof beginnt die Entdeckerschleife Evolutionspfad (knapp 20 km, circa 120 hm, Start/Ziel S-Bahnhof Mettmann-Stadtwald). Vom Stadtwald quert sie die historische Oberstadt und läuft hinunter ins Neandertal. Durch das Eiszeitliche Wildgehege begleitet die Düssel bis ins hübsche Dorf Haan-Gruiten. Auf der ersten Etappe des neanderland STEIGs geht es zurück.

Die Entdeckerschleife Stindertal (gut 14 km, circa 150 hm, Start/Ziel Parkplatz Nösenberg B7 Mettmann) folgt dem Stinderbachtal zum Neanderthalmuseum, Mettmanner Bach und Evolutionspfad lenken hinauf in die Mettmanner Innenstadt.

Die Erkrather Entdeckerschleife Denkmalroute Hochdahl (8 km, knapp 140 hm, Start/Ziel S-Bahnhof Hochdahl, alternativ Neandertal) verbindet das Neanderthalmuseum mit Hochdahl, wo früher eine große Eisenhütte den dörflichen Charakter sprengte.

Langstrecke

Der neanderland STEIG kreist auf rund 245 km und 17 Etappen um den Kreis Mettmann mit dem touristischen Markennamen Neanderland, berührt dabei angrenzende Städte wie Essen, Düsseldorf, Solingen und zieht sich vom Rhein hinauf ins Niederbergische: neanderlandsteig.de

anschauen

Nahe der originalen Fundstelle lotst das Neanderthal Museum durch vier Millionen Jahre Menschheitsgeschichte. Gegenüber lockt der Steinzeit-Spielplatz. Vom Museum führt ein kurzer Fußweg an sprechenden Zeitzeugen vorüber zur Fundstelle. Dort simuliert der neue Erlebnisturm Höhlenblick die Feldhofer Grotte. Denn die Höhle, in der Arbeiter einst Überreste des menschlichen Fossils fanden, wurde im 19. Jahrhundert beim Kalkabbau vollständig zerstört. Unter dem überdimensionalen Schädeldach liegen 16 Knochen des Neandertalers, ein 360-Grad-Video inszeniert sein Begräbnis. Beim Blick durch die Fernrohre ins Umland blendet Technik ein, wie Mammutherden vorbeiziehen, Neandertaler jagen und am Feuer sitzen. Das Erlebnisticket des Museums beinhaltet den Zugang zur Fundstelle samt Erlebnisturm: neanderthal.de

schmecken

Steinzeit auf dem Teller

Gegenüber dem Museum öffnet Caterina Klusemann sonntags und an Feiertagen die Türen ihres Cafés Neandertal No. 1. Ihr eigens kreiertes Steinzeitmenü tischt sie allerdings nur auf Anfrage auf, das schmeckt in der hauseigenen Höhle und dem Farnraum besonders authentisch. Dort bietet Koch Sofian Neubauer Private Dining an (sofian-foodfoundation.de). Im Shop gibt es regionale Produkte und Hausgemachtes, wie raffinierte Pestos, Patés, Nüsse, Müsli und einen steinzeitlichen Tee, dessen Zutaten schon damals im Neandertal wuchsen. neandertal1.com

Typisch Neanderland

Unter diesem Namen besiegelt das Neanderland Gutes aus der Heimat. Von Erlebnissen wie Kräuterwanderungen, Brotbacken oder der Urtour durchs Neandertal über Actionangebote wie Waldkletterpark und Wasserski bis zu Gastgebern, ob Sterneküche oder Café. Der Shop im Neanderthalmuseum präsentiert Spezialitäten mit dem grünen Siegel, die Menschen im Neanderland eigens herstellen: Neanderthaler Landbier, Honig, Neanderthaler Filterkaffee, der in Heiligenhaus geröstet wird, und nicht zuletzt Nudeln in Mammutform: typisch-neanderland.de

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