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Vielfalt pur beim Naturwandern auf Amrum

Wenn es darum geht, welche der deutschen Nordseeinseln die abwechslungsreichste ist, dann spielt Amrum ganz vorne mit. Hier gibt es eine riesige Sandbank, einen breiten Dünengürtel, den größten Wald und dazu Heide, Moor und Marsch. Davon kann man sich beim Rundgang über Amrum überzeugen.
Strand auf Amrum.
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Wolfgang Stelljes

Es gab Zeiten, da waren die Amrumer ziemlich unglücklich über ihre Dünen. Der viele Sand versperrte nicht nur die Sicht auf die See, er begrub auch alte Siedlungsplätze und fruchtbares Ackerland unter sich. Verantwortlich für die vielen Dünen war Ekke Nekkepenn, der friesische Meeresgott, jedenfalls der Sage nach. Er war sehr wütend auf die Amrumer. Also ließ er erst das Meer toben und schickte noch einen kräftigen Sturm hinterher, der den Sand über das Land trieb.

Heute sind die Amrumer froh über ihre Dünen, denn sie bilden ein natürliches Bollwerk gegen Sturmfluten. Deshalb sehen sie es auch gar nicht gern, wenn jemand einfach so mitten durch die Dünen stromert. Damit genau das nicht passiert, haben die Amrumer vorgesorgt. Über elf Kilometer sind die Bohlenwege lang, die sie angelegt haben, „ein Hauptbestandteil der Besucherlenkung“, sagt Hanna Zimmermann, die Naturschutzkoordinatorin bei der Amrum Touristik. Die Gäste können die Natur erleben, „rennen aber nicht überall rum“. Der Vorteil für den Inselgast: „Du musst dir keine Gedanken machen.“

Traumjob in den Dünen

Gemeinsam mit Hanna Zimmermann wandern wir auf dem Bohlenweg bei Wittdün. Er führt mitten durch einen „Extremstandort“, soll heißen: sehr trocken, sehr heiß, wenig Nährstoffe. Hier gedeiht das Silbergras, eine genügsame Pionierpflanze, aber auch die Kartoffelrose, eine invasive Art, „die wächst und wuchert und alles beschattet“, zum Leidwesen der Insulaner. Mal entdecken wir Wollgras neben dem Bohlenweg, mal Besenheide, Glockenheide und Krähenbeere, ein Hinweis auf feuchten Grund.

Weiter geht es auf dem Bohlenweg, der mitunter leicht federt oder sogar schwankt. Doch das ist kein Grund zur Sorge. Und wenn, dann kümmert sich Hans-Uwe Kümmel darum. Der 61-Jährige ist für die Bohlenwege in der Gemeinde Wittdün zuständig. Die läuft er zwei- oder dreimal in der Woche ab. Normalerweise flickt er schadhafte Stellen im November oder Dezember, bevor es richtig friert, nur war im vergangenen Winter das Holz knapp. Nun muss er auch im Sommer ran, zusammen mit seiner Kollegin Kimberly Jessen. „Ein Traumjob“, jedenfalls bei gutem Wetter, sagt Kümmel.

Deutschlands bester Strand

Zu den Amrumern, denen man zwangsläufig begegnet, gehören die Strandkorbvermieter. Am Strandübergang von Norddorf stehen gleich mehrere. Zwei von ihnen tragen einen gelben Pulli. Der Ältere ist eine Institution: Detlef „Pimo“ Boyens. „Er steht seit 67 Jahren hier“, sagt sein Sohn Rainhard. Kein Wunder, es gibt schlechtere Arbeitsplätze. „Ich war schon überall – so ein Strand, da sind wir in den Top 5“, ist sich der 52-Jährige sicher. Dass das nicht allzu weit hergeholt ist, unterstreicht der US-Sender CNN: Er nahm den Strand von Amrum in die Liste der besten Strände der Welt auf, als einzigen in Deutschland.

Dabei ist es genau genommen gar kein Strand, sondern eine vorgelagerte Sandbank, Kniepsand genannt, die ganz langsam wandert. Auf dieser Sandbank betätigen sich Wind und Gezeiten als Landschaftsarchitekten. Der Wind kommt meist aus dem Nordwesten und treibt die feinen Sandkörner über die karge Fläche, bis sie schließlich irgendwo liegen bleiben, zum Beispiel im Windschatten einer Muschel. Ähnliches passiert in den Dünen, hier lagert sich der Sand hinter Binsenquecke oder Strandhafer ab. Nach und nach siedeln sich weitere Pflanzen an – so wird aus der Weißdüne erst eine Graudüne und dann eine Braundüne.

Ausblick auf einen Strand auf Amrum.
© Wolfgang Stelljes

Faszinierende Fauna

Inmitten von Dünen, „im letzten Haus vor Sylt“, lebt Dieter Untermann, wenn er mal wieder ehrenamtlich für zwei Wochen als Vogelwart für den Verein Jordsand aktiv ist, „dem ältesten Seevogel-Schutzverein der Welt“. Der Verein betreut die Amrumer Odde, ein Naturschutzgebiet. Die Aufgaben des Vogelwarts: Müll sammeln, Vögel zählen, Möwen beringen, Führungen anbieten. Bei diesen Führungen dröselt Untermann sein Fachwissen auf in kleine Geschichten. Plaudert zunächst ein wenig über das Wattenmeer und die drei großen Säugetiere, die hier leben: Kegelrobbe, Seehund und Schweinswal. Stellt dann die große Gruppe der Watvögel vor, darunter der Austernfischer, auch „Halligstorch“ genannt, aber auch Rotschenkel, Säbelschnäbler und Brachvogel.

Es folgt die Gruppe der Möwen, klar. Die Sturmmöwe zum Beispiel, die uns schon bei der Überfahrt begleitet hat. Oder die Silbermöwe mit dem roten Punkt am Schnabel, eine Art Futterknopf, auf den der Nachwuchs pickt, weil er weiß, dann gibt’s Nahrung, „kükenfertig“. Schließlich die Enten und Gänse. Geschlagene 15 Stunden am Tag frisst sich die Ringelgans durch die Salzwiesen „und setzt alle drei Minuten einen Kothaufen ab“, nicht jeder ist darüber glücklich. Oder die Eiderente: Sie kann bis zu 30 Meter tief tauchen. Muscheln verzehrt sie im Stück – den Rest besorgt ein kräftiger Magen. Zwei Kilo nimmt das Tier am Tag zu sich, das entspricht dem eigenen Gewicht.

Von Sturmfluten und Strandgut

Auch Kai Quedens weiß viele Geschichten zu erzählen, vor allem aus der Geschichte Amrums. Gut 50 Gäste haben sich an einem warmen Sommerabend im Gemeindehaus Norddorf zu seinem Bildervortrag zum Thema „Nordsee – Mordsee“ eingefunden. Wenn die Leute wüssten, dass sich auf dem Standbild zum Auftakt die Eisschollen türmen, wären es vielleicht sogar noch ein paar mehr. Quedens räumt noch schnell einen Stuhl zur Seite und legt dann los. Schildert mit rollendem „R“ und teils lang gedehnten Silben, wie der Blanke Hans bei der „Groten Mandränke“ von 1362 wütete, einer Sturmflut, der 100.000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen. „Nehmen Sie mal ein Viertel davon, denn so viele haben hier gar nicht gelebt.“ Immerhin, diese Sturmflut veränderte alles, die Küstenlinie wurde von der Natur ganz neu gezogen, viel weiter östlich, und nur die Geestinseln Sylt, Amrum und Föhr sowie ein paar Halligen ragten noch aus dem Wasser. Fortan galt der Grundsatz: „Wer nicht will deichen, der muss weichen.“ Wichtige Namen oder Jahreszahlen wiederholt Quedens. 1825 zum Beispiel: Da wurde der bislang höchste Wasserstand gemessen. Oder 1962: Da stand der ganze Kniepsand unter Wasser und auch die Marsch, nach einem Deichbruch bei Norddorf. Und an der Promenade von Wittdün türmten sich die Wellen haushoch auf.

Wenn Schiffe strandeten, rieben sich die Amrumer die Hände. Ein Drittel des geborgenen Schiffes gehört den Bergern, so lautete früher die Regel an der Küste. „Gott, segne unseren Strand – mit Strandgut“, beteten sie in den Kirchen, erzählt Quedens. Mal freuten sich die Amrumer über eine Ladung Rotwein (1870), mal über Rasierklingen (1927), mal über eine große Auswahl an Damenschuhen, alles Markenware (2011). In früheren Jahrhunderten halfen sie sogar ein bisschen nach und setzten „falsche Feuer“, die Schiffe wähnten also eine Hafeneinfahrt vor sich, ein folgenreicher Irrtum. „Es gab kein Jahr, an dem nicht mindestens ein Schiff strandete, in manchen waren es fünf oder sechs.“ Von einem Ausguck in Norddorf konnten die Amrumer auch sehen, wenn ein Schiff vor Sylt zu Schaden kam. Als 1839 die Brigg „Colonia“ vor Hörnum auf Grund lief, waren die Amrumer flotter zur Stelle als die Bewohner von Rantum, dem damals südlichsten Ort auf Sylt, und sicherten sich einen großen Teil der Ladung, Tabak vor allem. Das Ganze wuchs sich zu einem regelrechten „Tabakskrieg“ aus, ein Grund, weshalb man auch heute noch auf Sylt nicht unbedingt mit einem Amrum-T-Shirt rumlaufen sollte, sagt Quedens.

Gewässer in grüner Natur auf Amrum.
© Wolfgang Stelljes

Friedhofsgeschichten und Sklavenhandel

Ein beliebtes Ziel vieler Touristen ist der Friedhof von Nebel mit seinen „sprechenden Grabsteinen“. Der bekannteste ist der von Hark Olufs. Die in Stein gemeißelte Geschichte dieses Mannes ist so unglaublich, dass auch ein Karl May sie sich nicht hätte ausdenken können. Man kann sie sich in aller Kürze erzählen lassen, indem man den QR-Code neben dem Grabstein aufruft. Oder man besucht die Ausstellung im Naturzentrum Amrum. Hier erfährt man, dass Hark Olufs wie viele andere männliche Amrumer vor und nach ihm schon in jungen Jahren zur See fuhr. 1724 wurde das Schiff, auf dem er angeheuert hatte, von Piraten im Ärmelkanal gekapert. „Als 15-Jähriger stand er in Algier auf dem Sklavenmarkt“, erzählt Jens Quedens. Er ist der Neffe von Kai Quedens und Vorsitzender des Amrumer Heimat- und Naturschutzvereins Öömrang Ferian, der das Naturzentrum betreut. Und er ist in siebter Generation ein Nachfahre von Hark Olufs.

Kaperer aus Algerien, Libyen und Tunesien haben im Lauf von drei Jahrhunderten rund zwei Millionen Gefangene gemacht, schätzt Quedens. Viele von ihnen konnten nur hoffen, irgendwann freigekauft zu werden. Dafür wurde überall an der Küste gesammelt, auch in den Kirchen. Allerdings mussten für einen solchen Freikauf „zehn Jahresgehälter eines Kapitäns“ veranschlagt werden. Auch gab es bedauerliche Irrtümer. So lieh sich Oluf Jensen, der Vater von Hark Olufs, eine Menge Geld, um seinen Sohn freizukaufen. Dann allerdings wurde versehentlich ein anderer freigelassen, ein Seemann aus Bremen.

Heimweh nach Amrum

Was sie damals auf Amrum nicht wussten: Hark Olufs war vermutlich zum Islam konvertiert – was er selbst stets bestritt – und hatte eine für einen Sklaven ungewöhnliche Karriere hingelegt. Erst war er Schatzmeister des Beys von Constantine, dann Kommandeur der Leibgarde, am Ende Oberbefehlshaber der Kavallerie. Und doch wollte er immer zurück nach Amrum, denn sein Schicksal war eng mit dem des Beys verknüpft. Und dessen Tage waren gezählt. Zum Dank für seine Teilnahme an der Eroberung von Tunis ließ ihn der Bey schließlich frei. Nach zwölf Jahren kehrte Olufs in der Uniform eines osmanischen Generals zurück, dank vieler Gaben des Beys nun der reichste Mann der Insel.

Er schrieb seine Geschichte auf und wurde vom dänischen König empfangen. So richtig stolz ist er nicht auf seinen Urahn, sagt Jens Quedens, auch weil dieser auf Befehl Menschen getötet hat. Gut möglich allerdings, dass Hark Olufs mit seiner Geschichte dazu beigetragen hat, dass das dänische Königreich mit nordafrikanischen Herrschern eine Reihe von Verträgen schloss. Dank sogenannter Seepässe hatten dänische Schiffe fortan freie Fahrt.

Fernblick in Richtung Küste auf Amrum.
© Wolfgang Stelljes
Strandkörbe auf Amrum.
© Wolfgang Stelljes

entspannen ...

… kann man am besten in einem Strandkorb. Sechs Vermieter gibt es auf Amrum. Der größte und älteste ist Boyens in Norddorf. 370 Körbe vermietet die Familie, zu erkennen an der Amrumer Silhouette auf dem Rückenteil. Hier und da entdeckt der Fußballfan auch ein bekanntes Logo, zum Beispiel das vom HSV, BVB oder St. Pauli. „Alles Farben sind erlaubt, selbst Pink, gibt’s nur bei uns, mit Gebietsschutz“, sagt Rainhard Boyens. Stolz ist er auch auf ihren Service: „Der Korb wird dorthin gestellt, wo der Kunde ihn möchte.“ Und das heißt meist: erste Reihe, mit freiem Blick auf die Nordsee. Ohne einen anderen Strandkorb vor der Nase.

sehen

Heimatmuseum

Das Öömrang Hüs, zu deutsch Amrumer Haus, ist ein altes Kapitänshaus in Nebel, selbstverständlich mit Reetdach. Es beherbergt das Heimatmuseum, das einen Einblick in insulare Lebensverhältnisse anno dazumal erlaubt, mit „Dörnsk“ (Wohnstube mit Alkoven) und Küche. Eine kleine Ausstellung erinnert an Hark Nickelsen. Wie sein Cousin Hark Olufs wurde er von Kaperern gefangen genommen und als Sklave nach Algier gebracht, aber schon nach drei Jahren freigekauft – und lenkte als Kapitän später selbst ein Sklavenschiff.

wandern

Wattwanderung

Es ist eine Wattwanderung der etwas anderen Art: Zu Fuß geht es von Amrum nach Föhr, allerdings nicht in gerader Linie, sondern erst mal nach Norden und dann rechts ab. Diese Tour sollte man allerdings nie, nie, nie allein machen, sondern nur in Begleitung eines erfahrenen Wattführers, von denen es vier auf Amrum gibt. Die kennen die Gefahren im Wattenmeer und die Lage der Priele und können unterwegs auch noch ein paar „Döntjes“ zum Besten geben. Dauer: rund drei Stunden.

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