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Wandern in der Weinregion von Saale-Unstrut

Eine Sinfonie aus weißem Muschelkalk und grünen Reben: An Saale und Unstrut hat der Mensch eine malerische Kulturlandschaft geschaffen. Noch dazu wirkt die Region derart mediterran, dass die Einheimischen selbst von der „Toskana des Nordens“ sprechen. Recht haben sie!
Aufnahme eines Gebäudes an einem Berg.
©

Alexa Christ

Die Sonne brennt. Das Thermometer klettert auf stattliche 36 Grad, kein Lüftchen regt sich. Eine Siesta zu halten wäre eine gute Idee. Oder man tut es den Kindern gleich, die mit ihrem Vater am gegenüberliegenden Ufer vergnügt ins kühle Nass der Unstrut hüpfen. Die Versuchung ist groß, doch da weist ein grünes Schild zur rechten Zeit den Start des Wanderwegs aus.

Das schmucke Weinbaustädtchen Freyburg gilt als Perle des Unstruttals, das an dieser Stelle tief eingeschnitten ist. Die geschützten Südhänge bieten allerbeste Bedingungen für den Weinbau, der hier seit gut 1.000 Jahren betrieben wird. Die steilen Rebterrassen mit ihren Trockenmauern ziehen denn auch die Blicke auf sich. Am rechten Hang der Unstrut erstreckt sich der historische Schweigenberg, der berühmteste Terrassenweinberg der Region – ein wahres Kulturdenkmal: Rund 20 Hektar Fläche, in fünf bis zehn übereinanderliegende Terrassen gestuft und in zahlreiche Klein- und Kleinstparzellen unterteilt.

Traditionelles Handwerk

Mehr als 40 Winzer bewirtschaften das landschaftliche Kleinod. Hinzu kommen stolze 90 Weinberghäuser, von denen später noch die Rede sein wird. Am linken Ufer der Unstrut führt der Weg jedoch vorbei an Bauerngärten und Wochenend-Datschen. Kleingartenidylle pur. Bald ist ein Wehr erreicht, an dem sich seit dem zwölften Jahrhundert das Rad der Mühle Zeddenbach dreht. Früher waren es Benediktinerinnen, die hier Korn mahlten, heute ist es Volker Schäfer. „Mein Mehl ist gut“, verriet der Müller dem Magazin „Stern“ mal in aller Schlichtheit. In dem gut 120 Jahre alten Backsteinbau stehen Maschinen von 1932. Die mahlen langsam, kühl und sanft – volle 16 Mahldurchgänge! Kein Turbomehl. Von wegen schwer verdaulich. Null künstliche Zusätze. Der von Zivilisationskrankheiten geplagte Mensch kann das kostbare Mehl im Hofladen erwerben.

Einst gehörte die Mühle zum Klostergut Zscheiplitz, dessen Saalkirche aus dem späten 11. Jahrhundert noch heute den auf einem Kalksteinplateau gelegenen Ort überragt. Ein Schmuckstück der Romanik. Von hier oben ist die Aussicht auf das darunterliegende Unstruttal berauschend schön. Nach der Reformation wurde das Kloster zum Rittergut. Vier Jahrzehnte DDR setzten dem historischen Gemäuer arg zu. Es drohte der Verfall. 2008 ersteigerte der Brite Alexander von Hahn einen Teil des Anwesens. Die Sanierung geht langsam voran. Gerade wird das Dach gemacht. „Ein 1.000 Jahre altes Gebäude muss man sehen, fühlen, atmen und verstehen. Es besitzt eine ganz eigene Persönlichkeit“, sagt der Mann, dessen Familie deutsche, baltische und russische Wurzeln hat. Der Kosmopolit inszeniert Kunstausstellungen in den patinaschönen Räumen. Seine Lebensgefährtin Stephanie Heiduk – Bildhauerin aus Bayern – richtet gerade ihr Atelier ein. Einen Weinklub betreiben die beiden noch dazu.

Spitzenwein auf Muschelkalk

Guter Wein ist auch die Leidenschaft ihrer Nachbarn von gegenüber. Das Weingut Pawis residiert in der anderen Hälfte des Ex-Ritterguts. Große Oleander vor hellen Steinmauern verströmen südländisches Ambiente. In der stilvollen Vinothek wollen 30 Weine aus 15 Rebsorten probiert werden. Sohn Marcus erzählt, wie Vater Bernard 1998 das Weingut gründete, konsequent auf Qualität setzte und schnell belohnt wurde. Schon 2001 erfolgte die Aufnahme in den VDP, den Verband der Deutschen Prädikatsweingüter – als erster Betrieb im Osten. „Damals waren wir die Shootingstars der ostdeutschen Weinszene“, sagt Marcus, der das Marketing verantwortet und Events organisiert.

Dass auf dem 51. Grad nördlicher Breite überhaupt Qualitätswein gedeiht, hat viel mit der besonderen Geologie zu tun. Vor 250 Millionen Jahren wurde die Gegend vom Ur-Ozean Tethys überspült. Nach der Verlandung blieben Buntsandstein, Keuper und Muschelkalk zurück. Aus Letzterem bauten die Einheimischen Burgen, Kirchen, Häuser. Doch nicht nur das. Der Muschelkalk sorgt für ein sehr mildes Mikroklima. Er speichert die Wärme, die hier durch gut 1.600 Sonnenstunden im Jahr entsteht. Die Saale-Unstrut-Region gehört zu den trockensten Deutschlands.

Landschaftsaufnahme in der Saale-Unstrut-Region.
© Alexa Christ

Wandern mit mediterranem Flair

Kein Wunder also, dass im Verlauf der Wanderung immer wieder das Gefühl aufkommt, am Mittelmeer unterwegs zu sein. Der Duft von wildem Thymian liegt in der Luft. Auch die wärmeliebende Steinweichsel, Wermut oder die aus Nordafrika stammende gelbe Weinbergtulpe gedeihen hier. Der Weg führt nun oberhalb des eingangs erwähnten Schweigenbergs.

Die zu Beginn nur aus der Ferne bewunderten Weinberghäuser können jetzt aus nächster Nähe in Augenschein genommen werden. In anderen Weinregionen sind die Wingerthäuschen nie mehr als Unterstand und Geräteschuppen gewesen. Nicht so an Saale und Unstrut. Die meisten Bauten entstanden zwischen 1700 und 1800. Mit der Zeit wurden sie immer pompöser, manche sind richtige Villen – eine hübscher als die andere. Kurz vor Freyburg erstrahlt eine Schönheit im Bauhaus-Stil. Und dann natürlich das berühmteste Weinberghaus überhaupt: das „Toskanaschlösschen“ in Sienarot. Italienische Wanderarbeiter sollen ihm sein mediterranes Aussehen verpasst haben. Mit ein bisschen Glück kann man in so manchem Weinberghaus sogar nächtigen oder einen guten Tropfen verkosten – wenn der Strauß draußen hängt. „Der Schweigenberg ist so ein bisschen die Freyburger Schickeria“, bemerkt Jana Lehmann augenzwinkernd. „Viele Weinberghäuser sind an Städter aus Berlin oder Leipzig verkauft, die dort die Wochenenden verbringen.“

Weine aus drei Jahrhunderten

Die Gästeführerin arbeitet im Landesweingut Kloster Pforta an der Saale, nur ein paar Kilometer von Naumburg und seinem berühmten Dom entfernt. Vom Kurort Bad Kösen führt ein Weinberg-Rundweg zum ehemaligen Kloster, das auf bienenfleißige Zisterziensermönche zurückgeht. Ab dem 12. Jahrhundert beackerten sie die Gegend und machten aus Landschaft Lagen. Mit 50 Hektar ist das Weingut, das heute im Besitz des Landes Sachsen-Anhalt ist, das größte der Region.

Besonders gern führt Lehmann die Gäste in den 260 Jahre alten Weinkeller. 4.000 Flaschen lagern hier. Schwarzer Kellerpilz – für den Menschen ungefährlich – lässt die Bouteillen aussehen, als entstammten sie einem Indiana-Jones-Film. „Falls mal jemand einen der alten Jahrgänge kauft, machen wir die Flaschen nicht sauber“, verrät Lehmann lächelnd. „Die bleiben, wie sie sind.“ Vom Weingut sind es nur ein paar Schritte zum eigentlichen Kloster. Es geht kurz über die Saale – ein paar Kanuten lassen gerade ihr Boot zu Wasser – und vorbei am hübschen Fischhaus, in dem man sich Forelle blau und Zander in Kräuterkruste schmecken lassen kann.

Mehrere Gebäude und grüne Berge an einem Gewässer in der Saale-Unstrut-Region.
© Alexa Christ

Vom Kloster zur Eliteschule

Nach der Reformation war Schluss für die Zisterzienser in Sanctae Mariae ad Portam, wie das Kloster auf Lateinisch hieß. Moritz von Sachsen gründete 1543 eine Fürstenschule, die noch heute Bestand hat – nun freilich als „Begabtenschule“ des Landes Sachsen-Anhalt. Rund 300 Schüler ab der 9. Klasse lernen und leben im Internatsbetrieb „Schulpforta“. Sie alle haben einen entsprechenden Notenschnitt vorweisen und eine Aufnahmeprüfung bestehen müssen. „Der soziale Status der Eltern spielt bei uns allerdings keine Rolle“, betont Arndt Gerber. „Wir erheben kein Schulgeld, sondern nehmen lediglich 350 Euro pro Monat für die Unterbringung im Internat und alle damit verbundenen Mahlzeiten.“

Dem Kurator der schuleigenen Stiftung obliegt die touristische Erschließung des ehemaligen Klosters. Besucher können etwa die herrliche romanische Basilika erkunden, den malerischen Kreuzgang, das Refektorium oder den Klosterpark mit seinem alten Baumbestand. 2024 soll Schulpforta das Europäische Kulturerbesiegel erhalten. Es gibt Pläne, einen 6.000 Kilometer langen Fernwanderweg zu schaffen, der alle Zisterzienserorte miteinander verbindet.

Wein aus dem Automaten mit Liebe gemacht

Ganz so weit muss man an Saale oder Unstrut Gott sei Dank nicht laufen. Am linken Ufer der Saale führt der Weinwanderweg an der Lage „Steinmeister“ entlang, 10 bis 30 Prozent Hangneigung inklusive. An Pfingsten hängen die ansässigen Winzer den Besen raus und laden zur großen „Saale-Weinmeile“. Auch hier sorgen die vielen pittoresken Weinberghäuser für verzückte „Ahs“ und „Ohs“. In einem von ihnen finden sich Gästehaus und Weingarten von Dörte Maria Zedler, die im Sommer Stummfilmklassiker mit Live-Musik-Begleitung als Open-Air-Kino präsentiert. Ums Eck hängt ein zur „Art Machine“ umdekorierter Zigarettenautomat. Wenige Meter weiter spuckt die „Genießerwiese Vino Veritas“ – ein gut bestückter Weinkühlschrank – bei allerhöchstem Notstand hiesigen Rebensaft aus.

Dabei gilt es, nur noch ein kleines Stückchen weiterzulaufen: bis zum Weingut Frölich-Hake in Roßbach. Seit 1997 setzen Sandra und Volker Frölich hier mit ebenso feinen wie anspruchsvollen Weinen ein Ausrufezeichen in die Landschaft. Egal ob Grau- oder Weißburgunder, Riesling, Silvaner, Müller-Thurgau oder Scheurebe – am besten alles durchprobieren! Ein paar neue Lieblingsweine sind schnell gefunden. Und könnte eine Wanderung im Land aus Stein und Wein schöner zu Ende gehen?

Gewässer umgeben von Bäumen mit Gebäude im Hintergrund in der Saale-Unstrut-Region.
© Alexa Christ

entdecken

Straße der Romantik

Klöster und Dome, Schatzkammern, Dorfkirchen, Burgen und Schlösser: Zwischen 950 und 1250 entwickelte sich die Region des heutigen Sachsen-Anhalts unter der Herrschaft der Ottonen zu einem politischen und kulturellen Zentrum Europas. Kaum ein anderes deutsches Bundesland bietet eine solche Vielzahl an Bauwerken aus dieser Blütezeit. So entstand 1993 die Idee, 88 der architektonischen Kleinode über die „Straße der Romanik“ miteinander zu verbinden. Die Ferienstraße ist über 1.000 Kilometer lang und wie eine Acht geformt. Im Saale-Unstrut-Gebiet zählen unter anderem die Dome in Merseburg und Naumburg dazu, die Burg Querfurt, das Romanische Haus und die Stadtkirche St. Marien in Freyburg, die Rudelsburg und Burg Saaleck, die Schlösser Goseck und Neuenburg oder das Kloster Pforta.

strassederromanik.de

genießen

Breitengrad 51

Die Saale-Unstrut-Region ist das nördlichste Qualitätsweinbaugebiet Deutschlands. Unter dem Schlagwort „Breitengrad 51“ haben sich acht Winzer zusammengetan, um die Region noch weiter voranzubringen und für mehr Sichtbarkeit zu sorgen. Weine von Format und Eigenständigkeit zu produzieren ist ihr Ziel. Zu einem ganz besonderen Projekt geriet die gemeinsame Cuvée „Allerhand“. Alle acht Weingüter steuerten Trauben bei, um einen frischen, fruchtigen und unkomplizierten Weißwein zu kreieren. Auch gemeinsame Events werden von den Winzern organisiert.

www.breitengrad51.de

Wandernde Person auf Weg zwischen Mauern in der Saale-Unstrut-Region.
© Alexa Christ

weitwandern

Feengrotten-Kyffhäuser-Weg

Wunderschöne Ausblicke auf Saale und Unstrut bietet der ca. 230 Kilometer lange Feengrotten-Kyffhäuser-Weg, der von den Feengrotten in Saalfeld über das mittlere Saaletal bis zur Unstrut-Mündung bei Naumburg und von dort weiter bis zum Kyffhäuserdenkmal im gleichnamigen Mittelgebirge bei Bad Frankenhausen führt. Eingeteilt ist der Weg in zwölf Etappen. Insgesamt 66 Kilometer verlaufen in der Saale-Unstrut-Region. Auf dem Weg liegen zahlreiche kulturhistorisch bedeutsame Bauwerke.

erleben

Saale-Schifffahrt

Bereits 1899 verkehrte ein Holzboot für 30 Personen mit 3-PS-Motor von der Kurstadt Bad Kösen bis zur Rudelsburg auf der Saale. Heute wird die 3,5 km lange Strecke mit dem Linienschiff „MS Bad Kösen“ und modernem Elektromotor bewältigt. Vom Wasser aus entfaltet sich bald ein einmaliger Blick auf weiße Muschelkalkfelsen sowie die Rudelsburg und die Burg Saaleck. Mit ein bisschen Glück können Eisvögel, Reiher oder Kormorane beobachtet werden. Die Hin- und Rückfahrt dauert insgesamt 75 Minuten.

www.saaleschifffahrt.de

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